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„Mehr als ich den Schabbat gehalten habe, hat der Schabbat mich gehalten“ – Wie Glaube für Geiseln und ihre Familien zum Anker wurde

JERUSALEM, 03.08.2025 (BF) – Als Omer Shem Tov am 21. Februar 2025 nachmehr als 500 Tagen aus der Geiselhaft in Gaza freikam, postete seine Mutter Shelly ein Video auf Facebook. Es zeigte Eindrücke eines Schabbats, den sie ein Jahr zuvor in einem Hotel in Jerusalem erlebt hatte. Es war der erste, den sie nach jüdischem Gesetz hielt.

„Nichts geschieht zufällig. Alles ist von IHM“, schrieb sie. „Seitdem halte ich Schabbat. Und mehr als ich den Schabbat gehalten habe, hat der Schabbat mich gehalten. Und mit Gottes Hilfe darf ich an diesem Schabbat meinen Omer umarmen, genau ein Jahr später.“

Shem Tov war am 7. Oktober 2023 beim Nova-Festival entführt worden. Während der Monate in Gefangenschaft begann er selbst, soweit möglich, den Schabbat zu begehen. Er benutzte Toilettenpapier als Kippa, schaltete am Freitagabend keine Taschenlampe ein und bewahrte ein wenig Traubensaft auf, um Kiddusch zu sagen. Die Familie war zuvor säkular. Sein Verschwinden markierte für die Familie den Beginn einer Hinwendung zum Glauben.

Sie sind nicht allein. Mindestens zwölf der 23 jüdischen Geiseln, die Anfang 2025 freikamen, berichteten, dass sie im Tunnelnetz der Hamas zu jüdischen Traditionen fanden, viele aus vollkommen säkularen Haushalten.

Glaube als Antwort auf Ohnmacht

Die Neuropsychologin Dr. Einat Yehene,die für das Forum der Geiselangehörigen arbeitet, bestätigt: „Glaube wird oft neu entdeckt, wenn Menschen tiefgreifende Krisen durchleben.“

Auch die Frage nach dem Warum spielt eine zentrale Rolle. Warum ist das mir passiert und nicht anderen? Warum hat mein Kind überlebt? Wozu das alles? Der Glaube kann helfen, diese Fragen in eine größere Erzählung einzubetten.

Jüdische Männer beten an der Kotel in der Altstadt von Jerusalem. Der Glaube an den Gott Abrahamas, Isaaks und Jakobs hilft, Krisenzeiten zu bewältigen. Foto: Yonatan Sindel / Flash 90

Bei manchen sei das religiöse Erwachen auch ein Akt der Identität. Yehene sagt: „Die Abgrenzung von den muslimischen Entführern kann dazu führen, dass man sich stärker mit dem Judentum identifiziert.“

So wie bei Agam Berger. Die 20-Jährige, die am 30. Januar 2025 freikam, schrieb nach ihrer Rückkehr: „Ich habe einen Weg im Glauben gewählt und bin durch den Glauben zurückgekehrt.“ Ihre Mutter richtete während ihrer Gefangenschaft eine Synagoge im Erdgeschoss ihres Hauses ein, um für ihre Tochter zu beten.

Ein Netzwerk der Verbundenheit

Religiöse Organisationen wie „Kesher Yehudi“ haben früh begonnen, Brücken zu bauen. Die NGO organisierte Schabbat-Treffen, Gebetsveranstaltungen und Feiertagsfeiern für Geisel-Familien und Überlebende des Nova-Festivals. Auch ultraorthodoxe Gruppen wie Chabad spielten eine wichtige Rolle, oft über ideologische Gräben hinweg.

„Ich habe so viele Überlebende gesehen, die sich aufgerieben haben, um einen vollständigen Schabbat zu halten“, erzählt die Gründerin von Kesher Yehudi, Tzili Schneider. „Sie verzichteten auf Zigaretten, fragten mich, wann es vorbei sei, aber sie wollten durchhalten, für ihre Freunde, für ihre Kinder.“

Ein besonderes Erlebnis schilderte Schneider in Bezug auf Rachels Grab in Bethlehem. Eine Mutter betete um ein Lebenszeichen ihres Sohnes. Am nächsten Tag veröffentlichte Hamas ein Video von ihm. „Sie rief mich an und sagte: Ich hätte um seine Freilassung beten sollen.“

Halt, aber auch Vorsicht

Nicht alle sehen die religiöse Rückbindung nur als positiv. Der Psychologe Dr. David Senesh, selbst Überlebender ägyptischer Gefangenschaft im Yom-Kippur-Krieg, sagt: Glaube kann helfen, aber Menschen in tiefer Krise sind verletzlich. Es benötige Feingefühl, wenn religiöse Organisationen helfen. „Man darf diese Lage nicht ausnutzen.“

Trotzdem: Für viele Rückkehrer sind der Schabbat, das Gebet, das Lesen der Thora mehr als ein Trost. Sie sind Ausdruck einer neuen Identität. Die ehemaligen Geiseln berichten, wie sie in der Dunkelheit der Tunnel gemeinsam Kiddusch sprachen, Hawdala feierten und einander Halt gaben.

Rabbi David Stav sagt: „Die spirituelle Erneuerung kommt nicht von außen, nicht durch religiöse Autoritäten. Sie entsteht inmitten des Schmerzes, aus eigener Erfahrung.“ Und er beobachtet: „Jüdische Tradition wird nicht mehr als etwas Fremdes erlebt, sondern als gemeinsames Erbe.“

Für viele ist es ein Anfang, vielleicht ein Übergang, vielleicht ein neuer Weg. Doch eines zeigt sich: Der Glaube war für einige nicht nur eine Hilfe zum Überleben, sondern wurde zu einem festen Anker in ihrem Alltag.

Titelbild: Omer Shem Tov wurde nach seiner Freilassung mit einem Militärhubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Er war 505 Tage in der Gewalt der Terroristen. Foto: Yonatan Sindel / Flash 90

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