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Ein neuer türkischer Mitspieler: Erdogan fasst in Gaza Fuß und weitet seinen Einfluss aus

JERUSALEM, 22.10.2025 (NH) – Im Schatten eines sehr brüchigen Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas haben Dutzende Hilfsorganisationen begonnen, den Gazastreifen zu überfluten. Millionen von Lebensmittelrationen, hunderttausende Tonnen Mehl, tausende Wassertanklaster und riesige Geldsummen fließen in die Enklave. An der Spitze dieser Kampagne steht die Türkei. Ein Spieler, dessen Beteiligung am „Tag danach” in Gaza Israel seit über zwei Jahren zu verhindern versucht. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Anadolu handelt es sich bei der türkischen Hilfskampagne um eine der größten Hilfsaktionen in der Geschichte des türkischen Staates. Die türkischen Aktivitäten werden in Israel unterdessen kritisch beobachtet, da die Türkei gegenüber der israelischen Regierung in den vergangenen zwei Jahren eine besonders aggressive Haltung verfolgte. Tatsächlich verkündete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan wiederholt seine Solidarität mit der Terrororganisation, bezeichnete Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als „Hitler” und war einer der Ersten, der Israel des Massakers und Völkermords bezichtigte. Die stille „legale” Unterwanderung aus Ankara in Gaza unter Trumps Geiseldeal-Deckmantel sorgt jetzt für Eskalationen in der Knesset.

Türkische Präsenz in Gaza

Fotos, die Traktoren und Bagger mit türkischen Flaggen im Gazastreifen dokumentieren, wurden gestern in israelischen Netzwerken veröffentlicht. Die Details des Trump-Abkommens sind zwar noch nicht veröffentlicht, doch die Fotos zeugen von einer physischen türkischen Präsenz vor Ort. Die Dokumentationen sind zudem ein Hinweis auf die Beteiligung der Türkei an der zweiten Phase des Wiederaufbaus des Gazastreifens. Während Israel versuchte, die türkische Beteiligung am Gazakrieg einzudämmen, scheint es, als sei im Schatten der verbesserten Beziehungen zwischen der Türkei und den USA bereits die Rolle der Türkei als Vermittler und Aktivist im Gazastreifen gesichert.

Die Aktivitäten der Türken werden vom Türkischen Roten Halbmond (Kızılay) angeführt, der bisher fünf Wohltätigkeitsschiffe mit humanitären Hilfsgütern nach Gaza entsandt hat. Auch die türkische AFAD (Katastrophenschutzbehörde) ist an den Hilfsaktivitäten beteiligt und hat mehr als 260 Tonnen gefrorenes Fleisch und 1,6 Millionen Liter Wasser in die Enklave geschickt. Neben den beiden Hauptakteuren sorgen verschiedene Agenturen dafür, dass palästinensische Familien mit Lebensmitteln versorgt, warme Mahlzeiten ausgegeben und Dutzende von Wasserbrunnen gegraben werden.

Türken an der Landesgrenze führen zu Eklat

Während man in Israel die türkischen Einsätze an der Grenze im Schatten des zerbrechlichen Abkommens zwischen den Parteien sehr kritisch verfolgt, scheint die Türkei ihren Einfluss und Status als Akteur in der Region zu genießen und gar massiv weiter auszubauen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan drohte bereits in der vergangenen Woche: „Israel wird einen hohen Preis zahlen, sollte der Krieg nach dem Waffenstillstand wieder aufgenommen werden“.

Jetzt sorgte die türkische Präsenz für Furore in der Knesset. Während einer Sitzung griff Ministerin Orit Struk die Regierung an: „Wie kommt es, dass wir versuchen, die Türkei von Syrien zu distanzieren, aber wir bringen sie durch das Haupttor nach Gaza? Ich will keinen einzigen Türken in Gaza sehen – nicht auf einem Traktor, nicht auf einem Jeep und nicht auf Rollschuhen.“

Die USA beruhigen und betonen die Bedeutung der Türken

Tatsächlich scheint die Kritik der Ministerin nicht unbegründet, denn die Türkei hat ihre öffentliche Haltung gegenüber Israel bisher nicht geändert.  Am Tag des Sharm-el-Sheikh-Gipfels drohte Erdogan, seine Teilnahme zurückzuziehen, sollte Benjamin Netanjahu an dem besagten Gipfel in Ägypten teilnehmen.

Im Schatten der israelischen Kritik erklären Steve Witkoff, der Gesandte der US-Regierung für den Nahen Osten und den Wiederaufbau des Gazastreifens, sowie weitere US-Vertreter die Wichtigkeit einer breiten regionalen Unterstützung. Die Vereinigten Staaten schätzen die Kosten für den Wiederaufbau des Gazastreifens auf etwa 50 Milliarden Dollar. Daher sei eine „Unterstützung aus dem Nahen Osten und Europa unausweichlich”. Witkoff erklärte, es sei inzwischen ein spezieller „Friedensrat” eingerichtet worden, um den Prozess zu überwachen. Ein Expertenteam habe bereits umfassende Konzepte in diesem Bereich entwickelt. In Israel verstärkt sich daher die Annahme, dass die Türkei bereits fest in die kommenden Projekte in Gaza integriert ist.

Titelbild: Palästinenser halten Bilder des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in den Händen. Damit zeigen sie sich solidarisch mit der Türkei, während Erdoğan mit der Terrororganisation in Gaza sympathisiert. Foto: Wisam Hashlamoun/Flash90

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