
Neue Studie: Krieg und Sicherheitsbedrohungen verstärken häusliche Gewalt und Aggression in Familien
JERUSALEM 17.11.2025 (LS) – Eine aktuelle Studie belegt, dass nicht nur die unmittelbaren Folgen von bewaffneten Konflikten – wie posttraumatische Belastungen – Haushalte belasten: Kriegserfahrungen und politische Gewalt wirken sich auch auf das innere Zusammenleben aus. Diese Erkenntnis wirft ein neues Licht auf die Dynamik von Familiengewalt.
Auswirkungen von Krieg und Gewalt auf Familien
Die Studie zeigt, dass Erwachsene, die Krieg oder politische Gewalt erlebt haben, deutlich mehr Aggressionsmuster in ihren Familien zeigen. Die Forscher betonen, dass diese Belastungen nicht mit dem Ende der äußeren Gewalt verschwinden, sondern über längere Zeiträume im Alltag spürbar bleiben. Besonders betroffen sind Partnerschaften: Menschen, die in konfliktgeprägten Regionen leben oder entsprechende Ereignisse miterlebt haben, berichten häufiger von Spannungen, impulsivem Verhalten und erhöhter Reizbarkeit innerhalb der Beziehung.
Auch das Verhalten gegenüber Kindern wird nachweislich beeinflusst. Die Untersuchung beschreibt, dass Eltern in solchen Situationen schneller zu aggressiven Reaktionen neigen und Schwierigkeiten haben, Belastungen angemessen zu regulieren. Die psychische Verarbeitung von Kriegsereignissen führt somit nicht nur zu individuellen Symptomen, sondern verändert die gesamte Familiendynamik. Vieles davon geschieht unbewusst: Stress, Angst und fehlende Stabilität übertragen sich direkt auf das familiäre Zusammenspiel und erhöhen das Risiko von Gewalthandlungen.
Forschungsteam und Ergebnisse zu Israelis und Palästinensern
Die Studie wurde von israelischen und palästinensischen Forschern gemeinsam durchgeführt. Geleitet wurde sie von Paul Boxer, Lehrbeauftragter am Research Center for Group Dynamics der Universität von Michigan in den USA. Boxer gilt als Experte für die Entwicklung, Prävention und Behandlung aggressiven und störenden Verhaltens bei Kindern und Jugendlichen. Für die israelische Seite nahm Prof. Simha Landau von der Rechtsfakultät der Hebräischen Universität Jerusalem teil, ausgebildet in Kriminologie und Psychologie. Auf palästinensischer Seite arbeitete Prof. Khalil Shikaki mit, Leiter des Palestinian Center for Policy and Survey Research in Ramallah sowie ehemaliger Dekan für wissenschaftliche Forschung an der An-Najah-Universität in Nablus.
Die Forscher untersuchten sowohl Israelis als auch Palästinenser, die in unterschiedlichem Ausmaß Krieg, politische Gewalt und Sicherheitsbedrohungen erlebt hatten. Die Ergebnisse zeigten, dass Angehörige beider Bevölkerungsgruppen, die direkter Gewalt ausgesetzt waren – etwa militärischen Konfrontationen, Angriffen oder politisch motivierten Übergriffen – signifikant häufiger aggressives Verhalten innerhalb ihrer Familien entwickelten. Bei denjenigen, die wiederholte oder langanhaltende Gewalt erlebt hatten, trat eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Aggression gegenüber Partnern und Kindern auf.
Insbesondere zeigte sich, dass Betroffene aus beiden Gruppen, die politischen Ereignissen oder bewaffneten Auseinandersetzungen stärker ausgesetzt waren, über ein höheres Maß an psychischem Stress, Kontrollverlust und impulsivem Verhalten berichteten. Dies spiegelte sich in einer höheren Rate familiärer Konflikte und einer gesteigerten Neigung zu verbalen oder körperlichen Aggressionen wider. Die Forscher betonten, dass diese Muster unabhängig von Nationalität oder politischem Hintergrund auftreten und direkt mit dem Ausmaß der erlebten Gewalt zusammenhängen.
Titelbild: Die „Globale Frauenkoalition gegen geschlechtsspezifische Gewalt als Kriegswaffe“ demonstriert in der Knesset. Foto: Yonatan Sindel/Flash90