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Jerusalems verborgenes Bollwerk: Archäologen entschlüsseln ein 2.100 Jahre altes Rätsel

JERUSALEM, 12.12.2025 (BF) – Die Entdeckung einer massiven, bisher unbekannten Stadtmauer aus hasmonäischer Zeit in der Jerusalemer Altstadt wirft ein neues Licht auf die politischen Umbrüche der hellenistischen Epoche. Archäologen der israelischen Altertumsbehörde und des „Tower of David“-Museums legten im Kishle-Komplex eine über 40 Meter lange und rund fünf Meter breite Befestigung frei. Der Fund ist einer der bedeutendsten Nachweise jüdischer Herrschaft aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus und wurde bei Restaurierungsarbeiten für den neuen Archäologie-Flügel des Museums sichtbar.

Warum wurde die Mauer zerstört?
Die große Frage beschäftigt die Forscher. Warum wurde ein derart imposantes Bauwerk systematisch abgetragen und anschließend unter den Fundamenten des herodianischen Palastes verborgen? Die sichtbaren Spuren zeigen, dass die Mauer absichtlich bis auf den Sockel abgetragen wurde. Nichts deutet auf Kriegszerstörung hin. Die Archäologen sehen zwei mögliche historische Erklärungen.

Eine Linie folgt dem Bericht des Geschichtsschreibers Flavius Josephus. Er beschreibt, wie der Hasmonäer John Hyrcanus I. um 134 vor Christus gezwungen wurde, die Stadtbefestigungen aufzugeben, um eine erneute Belagerung durch Antiochus VII abzuwenden. Die Funde passen zu dieser Darstellung, denn in angrenzenden Arealen wurden bereits in den 1980er Jahren Katapultsteine und Pfeilspitzen entdeckt, die auf kriegerische Auseinandersetzungen hindeuten.

Eine zweite Hypothese führt in die Regierungszeit von König Herodes. Sein Palastkomplex lag direkt über dem nun freigelegten Abschnitt. Forscher halten es für möglich, dass Herodes die alte hasmonäische Mauer bewusst entfernen ließ, weil sie ein Symbol der Dynastie darstellte, die er ablöste. Die Mauer wurde anschließend tief in die Palastfundamente eingebettet und damit aus dem Stadtbild getilgt. Für die Archäologen liegt darin eine politische Botschaft. Herodes wollte offenbar demonstrieren, dass die Zeit der jüdischen Könige aus hasmonäischem Haus vorbei war.

Datierung und wissenschaftliche Bedeutung
Die Datierung stützt sich auf typische Steinbearbeitung, Keramikfunde und Münzen, die klar der Hasmonäerzeit zugeordnet werden können. Radiokarbondaten fehlen bisher, da die Mauer ohne Mörtel errichtet wurde. Überraschend konnten die Forscher nicht nur die Außen-, sondern auch die Innenseite der Mauer untersuchen. Das ist selten, weil andere Abschnitte der hasmonäischen Befestigungen meist nur fragmentarisch erhalten sind. Unter dem Bauwerk fanden sich zudem Reste einer noch älteren Mauer, wahrscheinlich aus der Ersten Tempelperiode. Deren exakte Datierung läuft derzeit.

Was Besucher künftig erwartet
Die Ausgrabung erfolgte im Zuge der Vorbereitung des „Tower of David“-Museums auf die Eröffnung des neuen Archäologieflügels, der künftig als Erweiterung des Museums dienen und die Funde erlebbar machen soll. Besucher sollen künftig auf einem transparenten Boden direkt über den Mauern stehen und die bis zu zweieinhalb Jahrtausende alte Stadtgeschichte unmittelbar erleben. Nach Angaben der Museumsleitung ist es eine einmalige Chance, politische, militärische und religiöse Transformationsphasen Jerusalems an einem einzigen Ort sichtbar zu machen.

Der Fund vertieft nicht nur das Verständnis der Hasmonäerzeit. Er zeigt, wie eng Machtwechsel in Jerusalem mit der bewussten Gestaltung und Zerstörung der eigenen Stadtlandschaft verbunden waren. Geschichte schrieb sich hier buchstäblich in Stein.

Titelbild: Arbeiter bei den Ausgrabungen im Kishle-Komplex in der Jerusalemer Altstadt. Foto: Yonatan Sindel/Flash90

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