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Archäologen entdecken Ritualbad aus der Zeit des Zweiten Tempels unter dem Gebetsplatz der Klagemauer

JERUSALEM 30.12.2025 (LS) – Die israelische Altertumsbehörde hat am gestrigen Montag bekanntgegeben, bei Ausgrabungen unter dem Klagemauer-Platz ein 2000 Jahre altes Ritualbad (Mikwe) entdeckt zu haben. Die Mikwe lag unter einer Schicht aus Asche und Schutt, die nach Einschätzung der Archäologen mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. zusammenhängt.

Mikwe unter dem Westmauer-Platz

Die israelische Altertumsbehörde beschreibt das entdeckte Ritualbad als rechteckige Anlage, die in den Fels eingelassen ist und eine Wasserkammer mit vier Stufen besitzt. Der Leiter der Ausgrabungen stellte fest, dass die Mikwe „in einer Schicht von Zerstörungsschutt entdeckt wurde, die Asche und zahlreiche Artefakte enthält“. Diese Schicht könne direkt mit der Zeit der gewaltsamen Zerstörung Jerusalems durch die Römer in Verbindung gebracht werden, so die Archäologen.

In derselben Schutt- und Ascheschicht fanden die Forscher eine Vielzahl von Tongefäßen und steinernen Gefäßen, die charakteristisch für die jüdische Bevölkerung jener Epoche sind. Archäologen gehen davon aus, dass das Ritualbad sowohl von Einwohnern Jerusalems als auch von Pilgern genutzt wurde, die in den Tempelbezirk kamen und sich dort nach den Vorschriften zur rituellen Reinheit vorbereiten mussten.

Eine Scherbe eines Steingefäßes, die in dem Ritualbad unter dem Platz an der Klagemauer ausgegraben wurde. Foto: Emil Aladjem/Israel Antiquities Authority

Die Lage des Mikwe nahe den historischen Zugängen zum Tempel, einschließlich jener Bereiche, die durch den Großen Steg im Norden und den Robinson-Bogen im Süden erreicht wurden, verstärkt nach Angaben der Ausgräber die Bedeutung des Fundes für das Verständnis der religiösen Praxis und des Alltagslebens im antiken Jerusalem.

Religiöses Alltagsleben in der Tempelzeit

Der Fund wurde kurz vor dem heutigen Fastentag vom Zehnten Tewet bekanntgegeben, einem jüdischen Trauertag, der an den Beginn der Belagerung Jerusalems durch die Babylonier erinnert. Rabbi Amichai Eliyahu, Israels Minister für Kulturerbe, erklärte: „Die Freilegung des Ritualbades unter dem Platz der Klagemauer stärkt unser Verständnis dafür, wie tief religiöses Leben und tägliches Leben in Jerusalem während der Tempelzeit miteinander verwoben waren.“

Mordechai Eliav, Direktor der Western Wall Heritage Foundation, betonte die emotionale Bedeutung des Fundes: „Die Freilegung einer Mikwe aus der Zeit des Zweiten Tempels unter dem Westmauer-Platz, mit Asche von der Zerstörung an seiner Basis, zeugt wie tausend Zeugen von der Fähigkeit des Volkes Israel, von Unreinheit zu Reinheit zu gelangen, von Zerstörung zu Erneuerung.“

Archäologen sehen in dem Fund nicht nur ein technisches Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein Bild des Alltags und des Glaubenslebens jener Zeit. Das Ritualbad dokumentiert, wie zentral die rituelle Reinheit im religiösen Alltag war und wie tief verwurzelt diese Praktiken im Umfeld des Tempelortes gewesen sind.

Titelbild: Das rituelle Reinigungsbad (Mikwe) aus der Zeit des Zweiten Tempels. Foto: Ari Levy/Israel Antiquities Authority

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