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Warum die ausbleibende Eskalation mit dem Iran kein Zufall ist

von Benjamin Funk

JERUSALEM, 16.01.2026 –  Im Nahen Osten wird Politik selten kurzfristig gedacht. Entscheidungen entstehen nicht im Affekt, sondern in Zügen. Wer den Konflikt mit dem Iran verstehen will, muss ihn weniger als Abfolge von Ereignissen lesen, sondern als strategisches Spiel. Schach ist dafür ein passendes Bild: warten, vorausdenken und den Gegner zu Reaktionen zwingen, bevor der entscheidende Zug kommt.

Seit Jahrzehnten sitzt das iranische Regime fest im Sattel. Innenpolitisch steht es unter massivem Druck, wirtschaftlich geschwächt, gesellschaftlich tief gespalten. Dennoch hält es die Kontrolle über Militär, Sicherheitsapparate und regionale Stellvertreter. Von einem unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch zu sprechen, wäre unseriös.

In vielen arabischen Staaten ist die Hoffnung auf einen Regimewechsel in Teheran dennoch groß. Iran hat über Jahre hinweg Milizen aufgebaut, finanziert und bewaffnet, die heute ganze Regionen destabilisieren. Im Libanon dominiert die Hisbollah den Staat faktisch, im Jemen kontrollieren die Huthi weite Landesteile, in Syrien und im Irak reicht der iranische Einfluss tief in Sicherheitsstrukturen hinein. Ein Ende dieser Unterstützung gilt vielen als Voraussetzung für regionale Entspannung.

Auch in Israel verbindet sich mit einem Machtwechsel im Iran die Hoffnung, dass die militärische Bedrohung durch Gruppen wie die Hisbollah oder die Hamas nachhaltig zurückgeht. Weniger Geld, weniger Waffen, weniger Koordination. Die Logik ist nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Selbst ein Machtwechsel in Teheran würde nicht automatisch Stabilität bringen. Machtvakuum ist im Nahen Osten selten ein Friedensprojekt.

Dabei richtet sich der Blick vieler Beobachter auch auf die iranische Opposition. Sie ist in den vergangenen Jahren sichtbarer geworden, vorwiegend durch mutige Proteste im Inneren des Landes und durch Stimmen im Exil. Doch trotz aller Entschlossenheit fehlt es ihr an gemeinsamer Führung, an tragfähigen Strukturen und an realem Zugriff auf Machtinstrumente. Protestbewegungen haben das Regime herausgefordert, aber nicht nachhaltig erschüttert. Die Hoffnung, ein äußerer militärischer Impuls könne automatisch einen inneren Umbruch auslösen, unterschätzt diese Realität. Druck von außen kann Räume öffnen, ersetzt aber keine innere Organisation.

Eine Nacht, viele Erwartungen

Die Nacht zum Donnerstag ließ diese Hoffnungen dennoch aufflammen. Der Luftraum über Teilen Syriens, des Irak und Irans leerte sich auffällig. Meldungen über militärische Bewegungen verdichteten sich. In sozialen Netzwerken und Medien entstand der Eindruck, ein amerikanischer Angriff stehe unmittelbar bevor. Als er ausblieb, folgte die Ernüchterung.

Die USA verlegen derzeit den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln vom Südchinesischen Meer in den Nahen Osten. Er soll in etwa einer Woche ankommen. Foto: Clint Davis / US-Navy

Am Morgen bestimmten Schlagzeilen das Bild, wonach US-Präsident Donald Trump einen Angriff in letzter Minute abgeblasen habe. Kommentatoren sprachen von Unentschlossenheit und von einem Schlag gegen die iranische Opposition. Doch für diese Deutung gibt es keine belastbaren Belege.

Auffälliger ist, was nicht geschah. In Israel blieb die politische Kommentierung weitgehend aus. In einer Region, in der Kommunikation oft bewusst offensiv geführt wird, ist Schweigen selten zufällig. Stattdessen wurde berichtet, Premierminister Benjamin Netanjahu habe um mehr Zeit gebeten, weshalb der Angriff nicht umgesetzt worden sei.

Militärische Realität und strategische Geduld

Militärisch ist die Lage komplexer, als vereinfachende Narrative nahelegen. Iran hat in den vergangenen Jahren massiv in seine Luftverteidigung investiert. Eigene Systeme, ergänzt durch russische Technologie, schaffen ein dichteres Abwehrnetz als noch vor wenigen Jahren. Man hat aus den Fehlern im Krieg mit Israel Schlussfolgerungen gezogen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine alternative Lesart an Gewicht. Die jüngsten Tage könnten Teil eines bewussten Kalküls gewesen sein. Nicht der Angriff selbst stand im Zentrum, sondern die Reaktion darauf. Welche Systeme werden aktiviert, wie verhält sich das Regime unter Druck, wo liegen operative Schwachstellen. Ein vorgetäuschter Zug, um das Brett sichtbar zu machen und Zeit für die USA und Israel zu gewinnen. Ein Teilerfolg ist dabei bereits erkennbar: Hinrichtungen wurden vorerst ausgesetzt.

Dass Iran in dieser Phase nicht selbst eskalierte, spricht dafür, dass sich das Regime trotz aller Rhetorik nicht existenziell bedroht fühlte. Panikreaktionen blieben aus. Auch das ist eine Information.

Parallel dazu laufen die Vorbereitungen weiter. US-Marineverbände werden verlegt, logistische Kapazitäten ausgebaut, auch weil einige arabische Staaten Überflugrechte verweigern und die Nutzung von Militärbasen einschränken. Druck entsteht nicht nur gegenüber Teheran, sondern auch gegenüber dessen Stellvertretern. Diplomatie wird betont, aber nicht um den Preis strategischer Naivität.

Im Schach entscheidet selten der spektakuläre Zug. Entscheidend ist die Position, in die man den Gegner bringt. Die ausgebliebene Eskalation, das Schweigen und die fortlaufenden Vorbereitungen deuten darauf hin, dass es weniger um Chaos geht als um Zeit. Zeit, um Optionen offen zu halten. Zeit, um das Schachbrett zu lesen. Zeit, um den nächsten Zug zu erzwingen.

Titelbild: Ein ausgebrannter Bus in Teheran. Das Regime macht dafür die Demonstranten verantwortlich und hat ein Banner anbringen lassen, auf dem steht: „Dies war einer der neuen Busse von Teheran, der mit dem Geld der Steuerzahler finanziert wurde.“ Foto: Atta Kenare /AFP

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