
Geiselkoordinator Gal Hirsch enthüllt: „Hamas plante jahrelange Geiselhaft“
JERUSALEM, 02.02.2026 (NH) – Der israelische Koordinator für Geiseln und Vermisste, Brigadegeneral a. D. Gal Hirsch, hat neue Details zu den Geiselstrategien der Hamas offengelegt. Demnach plante die Terrororganisation, israelische Geiseln – lebende wie tote – bis zu zehn Jahre lang festzuhalten, um Israel dauerhaft unter Druck zu setzen. Die Entführten sollten als strategisches Druckmittel in Verhandlungen dienen und das Land politisch wie gesellschaftlich zermürben.
Ereignis von historischer Dimension
Am 7. Oktober 2023 erlebte Israel das schwerste Massaker seit dem Holocaust. Kämpfer der Hamas drangen auf israelisches Gebiet vor, töteten mehr als 1.200 Menschen und verschleppten über 250 Geiseln in den Gazastreifen. Ein derartiges Szenario hatte es in der modernen Geschichte Israels nicht gegeben. Der Staat verfügte über kein bestehendes System für den Umgang mit einem solchen Terrorereignis. Armee, Geheimdienste, Polizei, Ministerien und internationale Partner wurden mobilisiert – mit dem Ziel, die Geiseln und Vermissten zurückzubringen. Die Koordination übernahm Brigadegeneral a. D. Gal Hirsch, der mehr als zwei Jahre als staatlicher Beauftragter für die israelischen Entführten in Gaza fungierte.
Hirsch beschreibt seine Aufgabe als globales diplomatisches und nachrichtendienstliches Ringen, das auch die Betreuung der Angehörigen umfasste. „Ich wusste vieles, was ich den Familien nicht sagen durfte“, so Hirsch. Der Schutz der Geiseln und der Geheimdienstquellen habe oberste Priorität gehabt.
„Die schwierigste Aufgabe meines Lebens“
Brigadegeneral a. D. Gal Hirsch beschreibt seine Rolle als Geiselkoordinator als die größte Herausforderung seines Lebens. Eigene berufliche Tätigkeiten legte er auf Eis, verbrachte kaum Zeit mit seiner Familie und lebte unter dauerhaftem Schlafmangel. Mehr als acht Monate habe er ohne Vergütung und auf eigene Kosten gearbeitet. Rund um die Uhr sei er in Israel und im Ausland im Einsatz gewesen – als nationaler Ansprechpartner, Verhandlungsführer und Koordinator aller beteiligten Stellen. Zugleich sei er massiver Kritik, persönlichen Angriffen und Drohungen bis hin zu Morddrohungen gegen sich und seine Familie ausgesetzt gewesen. Die psychische und körperliche Belastung sei kaum zu beschreiben. Rückblickend sagt Hirsch, seine gesamten bisherigen Lebens- und Berufserfahrungen hätten ihn auf diese Aufgabe vorbereitet – die schwierigste seines Lebens.

Sinwar plante jahrelange Geiselhaft
Nach Angaben des Brigadegenerals war Hamas-Chef Yahya Sinwar nicht an einem Geiseldeal interessiert. Vielmehr habe er geplant, die Entführten über ein Jahrzehnt festzuhalten, um Israel langfristig politisch und gesellschaftlich zu destabilisieren. Hirsch zufolge setzte die Hamas dabei auf einen Mehrfrontenansatz: Während Sinwar im Gazastreifen agierte, bedrohte Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah Israel aus dem Norden. Finanzielle Unterstützung aus dem Iran habe diese Strategie über Jahre abgesichert. Die Geiseln seien als zentrales Druckmittel gedacht gewesen, um die israelische Gesellschaft von innen heraus zu zermürben.
Sinwar habe internationale Entwicklungen – politische Spannungen, diplomatische Anerkennung Palästinas und wachsenden internationalen Druck auf Israel – als strategische Vorteile betrachtet. „Warum sollte er einen Deal machen?“, so Hirsch. Sinwars Forderungen seien darauf ausgerichtet gewesen, Verhandlungen bewusst zu blockieren und in die Länge zu ziehen.
Rettungsmissionen aus Sorge um Geiselleben abgebrochen
Nach Angaben von Gal Hirsch wurden zahlreiche geplante Rettungsoperationen aus Angst um das Leben der Geiseln kurzfristig abgesagt. Zwar hätten Geheimdienste teils präzise Informationen geliefert, doch die Erfolgsaussichten seien oft zu gering gewesen. „Unsere Einheiten standen mitunter praktisch vor der Tür, aber wir wussten, dass uns die entscheidenden Sekunden fehlen würden“, so Hirsch.
Erst nach der Eliminierung von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah und Hamas-Führer Yahya Sinwar sowie mit dem Amtsantritt der Trump-Regierung im Januar 2025 und deren uneingeschränkter Unterstützung Israels habe der Zerfall der Hamas und eine Bereitschaft zu Verhandlungen eingesetzt.
Mit der Rückführung der sterblichen Überreste der letzten Geisel, Ran Gvili, wurde das Hauptquartier am vergangenen Donnerstag offiziell geschlossen. Hirschs Mission gilt damit als beendet. Künftig wolle er den Staat Israel jedoch weiterhin in anderen zentralen Fragen unterstützen.
Titelbild: Gal Hirsch (Mitte), Regierungsbeauftragter für entführte und vermisste Israelis, bei einem Treffen mit Angehörigen in Tel Aviv am 13. Oktober 2023. Foto: Avshalom Sassoni/Flash90