
Unter der Oberfläche – warum Israels Krieg nicht endet, wenn die Schlagzeilen es behaupten
JERUSALEM, 02.02.2026 (BF) – Während international immer wieder von Deeskalation die Rede ist, arbeitet sich Israels Militär weiter durch eine Realität, die sich nur selten an diplomatische Hoffnungen hält. Am Wochenende meldete die israelische Armee (IDF) die Zerstörung eines mehrere hundert Meter langen Tunnels nahe Khan Yunis im Süden des Gazastreifens. Was zunächst wie eine weitere routinemäßige Erfolgsmeldung klingt, erzählt bei genauerem Hinsehen eine andere Geschichte. Eine von Dauer, Vorbereitung und einer Bedrohung, die längst nicht verschwunden ist.
Der Tunnel lag östlich der sogenannten Gelben Line und wurde im Rahmen von Räumungsoperationen entdeckt. Eingesetzt war die 188. Brigade unter dem Kommando der Gaza-Division, unterstützt von Kampfpionieren der Yahalom-Einheit. In dem unterirdischen System fanden Soldaten eine Vielzahl an Waffen sowie mehrere eingerichtete Aufenthaltsräume. Es handelte sich nicht um einen Fluchtweg, sondern um eine auf längere Nutzung ausgelegte Infrastruktur.
Tunnel als strategische Realität
Tunnelsysteme gehören seit Jahren zur militärischen DNA der Hamas. Sie sind keine improvisierten Notlösungen, sondern Teil einer langfristigen Strategie. Schutz vor Luftangriffen, verdeckte Truppenbewegungen, Lagerung von Waffen, Unterbringung von Kämpfern. Jeder entdeckte Tunnel bestätigt, was Israels Militär seit Langem sagt. Die Bedrohung ist nicht nur oberirdisch sichtbar, sie ist buchstäblich in den Boden eingebrannt.

In dem Tunnel bei Khan Yunis stießen die israelischen Soldaten auf zahlreiche Handgranaten. Foto: IDF
Gerade der Fund von eingerichteten Wohnbereichen ist dabei bemerkenswert. Er zeigt, dass diese Strukturen auch nach Monaten intensiver Kämpfe weiter genutzt wurden oder zumindest einsatzbereit waren. Für die IDF ist das ein zentraler Punkt. Solange solche Systeme existieren, bleibt der militärische Auftrag unvollständig. Ein Waffenstillstand mag Linien einfrieren, aber er neutralisiert keine Tunnel.
Parallel zu den Einsätzen im Gazastreifen griff die IDF am Wochenende auch Ziele im Süden des Libanon an. Nach Militärangaben wurden ein Terrorist der Hisbollah sowie mehrere technische Fahrzeuge der Organisation getroffen. Auch hier zeigt sich ein Muster. Israel agiert nicht nur reaktiv, sondern versucht, sich entwickelnde Bedrohungen frühzeitig zu begrenzen.
Druck an mehreren Fronten und internationale Kritik
Diese militärischen Maßnahmen stoßen international zunehmend auf Kritik. Besonders deutlich äußerte sich erneut Francesca Albanese, die „UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas“. Sie verurteilte Israels Vorgehen in Gaza scharf. Ihre Stellungnahmen finden regelmäßig breite Resonanz, vor allem in europäischen Medien. In Israel selbst werden sie hingegen oft als einseitig, realitätsfern und antiisraelisch wahrgenommen.
Der Kontrast könnte größer kaum größer sein. Während internationale Stimmen vor allem die humanitären Folgen betonen, blickt Israels Sicherheitsestablishment auf operative Details. Tunnel, Waffenlager, logistische Fahrzeuge. Für die Militärs sind das keine abstrakten Symbole, sondern konkrete Gefahren. Jede unentdeckte Struktur bedeutet Handlungsspielraum für Terrororganisationen. Jede verzögerte Operation erhöht aus ihrer Sicht das Risiko eines erneuten Angriffs.
Gleichzeitig wächst der Druck an mehreren Fronten. Gaza im Süden, die Hisbollah im Norden, Iran als strategischer Akteur im Hintergrund. Diese Gleichzeitigkeit prägt das Denken der Entscheidungsträger. Sie erklärt auch, warum Einsätze fortgesetzt werden, selbst wenn international der Wunsch nach Ruhe dominiert.
Sicherheit als Prozess, nicht als Moment
Der Tunnel bei Khan Yunis ist kein Einzelfall. Er steht exemplarisch für einen Konflikt, der sich nicht an einzelne Operationen oder Schlagzeilen binden lässt. Israels Militär spricht zunehmend von einem langfristigen Sicherheitsprozess, nicht von klar definierten Endpunkten. Zerstören, sichern, erneut überprüfen. Immer wieder.
Für die israelische Gesellschaft ist das zermürbend. Viele hätten sich nach Monaten des Krieges einen Abschluss gewünscht. Doch die Realität unter der Oberfläche spricht eine andere Sprache. Solange bewaffnete Strukturen weiter existieren, bleibt der Einsatz aus Sicht der Verantwortlichen notwendig.
Die internationale Debatte mag sich drehen. Vor Ort entscheidet sich der Konflikt Meter für Meter, Tunnel für Tunnel. Und genau dort, unter der Erde, liegt ein wesentlicher Grund, warum dieser Krieg nicht einfach endet, selbst wenn manche ihn bereits für vorbei erklären.
Titelbild: Die israelische Armee setzt im Gazastreifen schwere gepanzerte Bulldozer ein, um Trümmer zu beseitigen und Tunneleingänge aufzustöbern. Foto: IDF