
Milliarden für Bewegung: Israels Nahverkehr vor dem größten Umbau seiner Geschichte
JERUSALEM, 04.02.2026 (BF) – Israel steckt seit Jahren in einem strukturellen Verkehrsstau. In einem der am dichtesten besiedelten Länder der westlichen Industrienationen sind Straßen chronisch überlastet, Pendelzeiten steigen kontinuierlich und der wirtschaftliche Schaden geht in die Milliarden. Die Antwort der Politik kommt spät, aber sie kommt. Und sie ist teuer.
Der israelische Staat investiert derzeit so viel Geld in den öffentlichen Nahverkehr wie nie zuvor. Bis 2040 sollen nach offiziellen Angaben mehr als 200 Milliarden Schekel (rund 55 Milliarden Euro) in Schiene, Metro, Stadtbahn und Busnetze fließen. Es ist der Versuch, ein System zu korrigieren, das jahrzehntelang auf das Auto gesetzt hat und daran fast erstickt wäre.
Schiene statt Stillstand
Im Zentrum steht der Ausbau der Eisenbahn. Die staatliche Israel Railways treibt mehrere Großprojekte parallel voran. Besonders prominent ist die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke entlang der Mittelmeerküste. Zwischen Tel Aviv und Haifa sollen Züge künftig mit bis zu 250 Kilometern pro Stunde fahren. Die Fahrzeit würde sich auf rund 30 Minuten halbieren. Allein dieses Projekt ist mit etwa 15,5 Milliarden Schekel (rund 3,8 Mrd. Euro) veranschlagt. Die Inbetriebnahme ist für das Ende des Jahrzehnts vorgesehen.
Ziel ist mehr als Komfort. Die Bahn soll erstmals eine echte Alternative zum Auto werden. Heute liegt der Anteil des öffentlichen Verkehrs am Gesamtverkehr deutlich unter dem europäischer Staaten. Das belastet nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die Produktivität. Nach Berechnungen des Finanzministeriums kostet der tägliche Stau die israelische Wirtschaft jährlich Dutzende Milliarden Schekel.
Die Metro als Herzstück des Umbaus
Parallel dazu entsteht im Ballungsraum Tel Aviv ein Projekt historischen Ausmaßes. Die Metro mit den Linien M1, M2 und M3 soll den gesamten Großraum unterirdisch erschließen. Die Kosten werden inzwischen auf über 150 Milliarden Schekel geschätzt (rund 36 bis 38 Mrd. Euro). Damit ist die Metro das teuerste Infrastrukturprojekt in der Geschichte des Landes.

Der Bau läuft bereits, auch wenn Krieg, Personalmangel und bürokratische Hürden den Zeitplan belasten. Dennoch gilt die Metro als alternativlos. Ohne sie droht dem Zentrum des Landes der verkehrliche Kollaps. Schon heute verbringen viele Pendler zwei bis drei Stunden täglich im Auto.
Sichtbare Fortschritte und offene Risiken
Sichtbar ist der Wandel bereits an der Oberfläche. Die Rote Linie der Stadtbahn in Tel Aviv ist seit 2023 in Betrieb. Trotz anfänglicher Pannen steigen die Fahrgastzahlen kontinuierlich. Weitere Linien befinden sich im Bau. Sie sollen Städte wie Ramat Gan, Petach Tikva und Bat Yam enger anbinden. Auch hier fließen Milliarden.
Ergänzt wird der Schienenausbau durch Investitionen in den Busverkehr. Das Verkehrsministerium setzt auf Schnellbuskorridore, elektrische Flotten und eine bessere Anbindung der Peripherie. Der Fokus liegt nicht mehr nur auf Tel Aviv, sondern auch auf dem Norden und Süden des Landes.
Für ein Auslandspublikum ist entscheidend zu verstehen, warum diese Projekte mehr sind als Infrastrukturpolitik. In Israel geht es um Funktionsfähigkeit. Es geht um wirtschaftliche Stabilität, um Lebensqualität und letztlich auch um Sicherheit, denn funktionierende Mobilität ist selbst im Krisenfall entscheidend.
Ob alle Zeitpläne halten, ist offen, ebenso ob die Kosten weiter steigen. Sichtbar ist jedoch, dass Israel baut, nicht symbolisch, sondern konkret. Der öffentliche Verkehr wird nicht mehr nur versprochen, sondern tatsächlich umgesetzt. Mit Beton, Schienen und sehr viel Geld.
Titelbild: Der hochmoderne Bahnhof Yitzhak Navon in Jerusalem liegt 80 Meter unter der Erde. Die israelische Eisenbahn plant den Bau von zwei weiteren unterirdischen Bahnhöfen in der Hauptstadt. Foto: Chaim Goldberg / Flash90