
Gedenken im Ausnahmezustand – Israels Holocaust-Gedenktag im Schatten des Irankrieges
JERUSALEM, 14.04.2026 (NH) – Israel begeht den diesjährigen Jom HaScho’a, zu deutsch „Der Tag des Gedenkens an den Holocaust und das Heldentum“ unter beispiellosen prekären Bedingungen. Während das Land normalerweise in kollektivem Schweigen verharrt, wird die Atmosphäre in diesem Jahr durch die ständige Bedrohung iranischer Raketenangriffe und die höchste Sicherheitsbereitschaft der Verteidigungskräfte geprägt. Das Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden erhält damit eine zusätzliche, bedrückende Dimension: Erinnerung und Gegenwart fallen zusammen, während Israel zugleich um seine Sicherheit ringt.
Sicherheitsvorkehrungen und symbolträchtiges Gedenken
Trotz eines fragilen zweiwöchigen Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran blieb die Entscheidung bestehen, die öffentlichen Zeremonien, einschließlich der Kranzniederlegung, für die breite Öffentlichkeit zu sperren. Bei der staatlichen Gedenkzeremonie in Yad Vashem, die in diesem Jahr ohne Publikum stattfand, setzten Israels Staatsspitzen unterschiedliche Akzente. Präsident Jitzchak Herzog mahnte zur inneren Einheit und warnte eindringlich vor gesellschaftlicher Spaltung. Er betonte, das Volk sei nicht aus der Asche des Holocausts auferstanden, um nun „im Feuer des internen Streits“ zu verbrennen.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hob hingegen die militärische Stärke des Landes hervor und erklärte, durch Schlägen gegen den Iran das Versprechen „Nie wieder eine Schoa“ aktiv eingelöst zu haben. Er zog einen direkten Vergleich zwischen der einstigen Wehrlosigkeit und der heutigen Schlagkraft der Armee. Der israelische Generalstabschef, Generalleutnant Eyal Zamir, betonte in seinem gestrigen Tagesbefehl ebenfalls die historische Verantwortung der Armee. Zamir verwies auf historische Parallelen und erklärte, das jüdische Volk werde sich gegen jene zur Wehr setzen, die erneut seine Vernichtung fordern – eine Feststellung, die in diesen Tagen besondere Dringlichkeit erhält.

Die schwindende Generation der Zeugen
Während das Land innehält, wird zugleich spürbar, dass die Stimmen derjenigen, die die Shoah selbst erlebt haben, leiser werden. Nach aktuellen Angaben leben in Israel noch 109.286 anerkannte Überlebende oder Verfolgte der NS-Zeit. Nur 36.752 von ihnen gehören noch zu jener Gruppe, die Konzentrationslager oder Ghettos unmittelbar überlebt hat. Die Mehrheit sind Frauen, etwa 62 Prozent, bei den über 100-Jährigen sogar rund 75 Prozent. Das Durchschnittsalter liegt bei 88 Jahren. Die Spanne reicht von den jüngsten, etwa 80-jährigen Überlebenden bis hin zu 48 hochbetagten Menschen, die älter als 105 Jahre sind. Mit jedem Jahr wird deutlicher, wie sehr sich das kollektive Gedächtnis von persönlicher Erinnerung hin zu überliefertem Wissen verschiebt. Auch ihre Lebensrealität bleibt vielfach schwierig: Rund 40 Prozent sind auf Sozialdienste angewiesen, 73 Prozent gelten als pflegebedürftig. Im vergangenen Jahr starben etwa 12.000 Überlebende.
Besonders schwer trifft die aktuelle Lage jene, die erneut von Gewalt betroffen sind: 115 Überlebende mussten infolge von Raketenangriffen während der Operation „Shaagat HaAri“ evakuiert werden, etwa 50 ihrer Wohnhäuser wurden beschädigt. Für viele kehrt damit ein Gefühl von Unsicherheit zurück, das sie einst überwunden glaubten.
Titelbild: Israelische Soldaten stehen während der Gedenkfeier zum Holocaust-Gedenktag am 14. April 2026 in Yad Vashem in Jerusalem Wache. Foto: Chaim Goldberg/Flash90