
Warum Gespräche mit der libanesischen Regierung wichtiger sind denn je
von Alon David
JERUSALEM / BEIRUT, 07.05.2026 – Während weiterhin Raketen einschlagen und die Hisbollah den Ton angibt, wächst hinter den Kulissen eine strategische Realität, die lange ignoriert wurde: Der Libanon ist nicht gleich Hisbollah – und genau darin liegt eine Chance.
Denn wer heute über Sicherheit im Norden Israels spricht, darf nicht nur auf die Miliz schauen, sondern muss die staatlichen Strukturen im Libanon in den Fokus rücken. Gespräche mit der Regierung in Beirut sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein strategischer Hebel.
Ein Staat ohne Kontrolle – aber nicht ohne Interesse
Der Libanon ist ein Land mit schwacher Zentralregierung, geprägt von internen Machtkämpfen und externem Einfluss – insbesondere durch den Iran. Genau das ist das Problem: Die Hisbollah operiert als „Staat im Staat“ und untergräbt die Autorität der Regierung.
Doch gleichzeitig zeigt sich: Die libanesische Regierung – und Teile der Armee – versuchen immer wieder, genau diese Kontrolle zurückzugewinnen. So wurden laut Berichten bereits hunderte Hisbollah-Stellungen aufgelöst, um das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen.
Das bedeutet: Es existiert im Libanon ein politischer Akteur, der objektiv ein Interesse an Stabilität und Kontrolle hat – und damit auch an einer Begrenzung der Eskalation mit Israel.

Noch bemerkenswerter ist ein Punkt, der in der internationalen Berichterstattung kaum vorkommt: Ein wachsender Teil der libanesischen Bevölkerung hat schlicht genug vom Krieg.
Aktuelle Berichte und Einschätzungen zeigen, dass viele Libanesen wirtschaftliche Stabilität und internationale Öffnung wollen – nicht den permanenten Konflikt mit Israel. Der Libanon steckt in einer der schwersten Wirtschaftskrisen weltweit, mit massiver Armut und politischem Stillstand.
Für viele Menschen dort ist klar: Ein weiterer Krieg mit Israel würde das Land endgültig in den Abgrund treiben.
Sicherheitsinteresse Israels: Trennung zwischen Staat und Miliz
Für Israel ergibt sich daraus eine strategische Logik:
- Hisbollah bekämpfen – aber den Staat nicht schwächen
- Gespräche mit der Regierung – nicht mit Terrororganisationen
- Anreize für staatliche Kontrolle schaffen
Denn jede Schwächung der libanesischen Regierung stärkt automatisch die Hisbollah. Und jede Stärkung staatlicher Strukturen schwächt langfristig den Einfluss Irans im Libanon.
Auch international wächst der Druck in diese Richtung.
Die USA fordern bereits direkte Gespräche zwischen Israel und dem Libanon, um die fragile Lage zu stabilisieren.

Fazit: Realpolitik statt Reflexe
Die Realität im Norden ist komplexer, als viele sie darstellen.
Der Libanon ist nicht nur ein Feindstaat – sondern ein schwacher Staat, der zwischen innerem Zerfall und äußerem Druck steht.
Gerade deshalb sind Gespräche mit der Regierung in Beirut kein Tabubruch, sondern eine strategische Notwendigkeit.
Denn am Ende entscheidet nicht nur, wer Raketen abschießt – sondern auch, wer die Kontrolle über ein Land zurückgewinnt.
Titelbild: Denkmal für gefallene Soldaten nahe der israelisch-libanesischen Grenze. Foto: Ayal Margolin/Flash90.