
Belgien unter Druck: Streit um jüdische Beschneidungen eskaliert diplomatisch
von Alon David
JERUSALEM, 08.05.2026 – Ein juristisches Verfahren in Belgien sorgt international für massive Spannungen. Im Zentrum stehen mehrere jüdische Mohalim in Antwerpen, die wegen ritueller Beschneidungen strafrechtlich verfolgt werden sollen. Die belgische Justiz wirft ihnen vor, medizinische Eingriffe ohne entsprechende Zulassung durchgeführt zu haben. In Israel und den USA löste der Fall scharfe Reaktionen aus. Kritiker sprechen von einem Angriff auf jüdisches Leben in Europa.
Mohalim führen im Judentum traditionell die Brit Mila durch – die religiöse Beschneidung jüdischer Jungen am achten Tag nach der Geburt. Für viele Juden gilt die Praxis als zentraler Bestandteil jüdischer Identität und Religionsfreiheit.
Besonders deutlich äußerte sich der amerikanische Botschafter in Belgien, Bill White. Er bezeichnete die Ermittlungen öffentlich als „lächerliche und antisemitische Verfolgung“. In einem scharf formulierten Beitrag auf X (ehemals Twitter) griff er sogar Mitglieder der belgischen Regierung direkt an. Daraufhin wurde der US-Botschafter vom belgischen Außenministerium einbestellt. Brüssel sprach von einer unzulässigen Einmischung in die unabhängige Justiz.
Auch Israels Außenminister Gideon Sa’ar reagierte mit ungewöhnlich deutlichen Worten. Er warf Belgien vor, die jüdische Gemeinschaft gezielt unter Druck zu setzen und warnte vor einer gefährlichen Entwicklung in Europa. Laut Sa’ar werde unter dem Vorwand juristischer Verfahren zunehmend jüdisches religiöses Leben infrage gestellt.
Belgien weist die Vorwürfe entschieden zurück. Außenminister Maxime Prévot erklärte, Belgien sei „nicht antisemitisch“ und verwies darauf, dass jedes Jahr zehntausende rituelle Beschneidungen im Land durchgeführt würden. Der aktuelle Fall betreffe ausschließlich die Frage, ob medizinische Vorschriften eingehalten wurden. Die belgische Regierung wirft Israel und den USA vor, bewusst einen politischen Konflikt aus einem juristischen Verfahren zu machen.
Jüdische Gemeinden unter Druck
Der Fall trifft einen besonders sensiblen Nerv. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 berichten jüdische Gemeinden in mehreren europäischen Ländern von einem drastischen Anstieg antisemitischer Vorfälle. Auch in Belgien stiegen antisemitische Straftaten und Bedrohungen deutlich an. Gleichzeitig wächst in Europa die politische Debatte über religiöse Beschneidungen, Kindeswohl und Religionsfreiheit.
Die Entscheidung der belgischen Justiz könnte deshalb weit über Antwerpen hinaus Signalwirkung haben. Für viele jüdische Organisationen in Europa geht es längst nicht mehr nur um ein einzelnes Verfahren – sondern um die grundsätzliche Frage, wie sicher jüdisches Leben auf dem Kontinent künftig noch ist.
Titelbild: Der Mohel Amram Nizri führt eine Brit Mila, die traditionelle jüdische Beschneidungszeremonie durch. Die Brit Mila gilt im Judentum seit Jahrtausenden als zentrales religiöses Gebot. Foto: David Cohen/Flash90