
Diplomatischer Eklat nach Flotilla-Einsatz: Ben-Gvir löst internationale Empörung aus
von Alon David
JERUSALEM, 21.05.2026 – Israels Minister für Nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, hat mit Videos von festgenommenen Gaza-Flotilla-Aktivisten einen schweren diplomatischen Eklat ausgelöst. Die Aufnahmen zeigen Ben-Gvir im Hafen von Aschdod, nachdem israelische Sicherheitskräfte die Schiffe der sogenannten „Global Sumud Flotilla“ gestoppt hatten. Mehrere europäische Staaten bestellten daraufhin israelische Botschafter ein, auch innerhalb der israelischen Regierung kam es zu ungewöhnlich scharfer Kritik.
Die Flotilla war nach Angaben ihrer Organisatoren mit dem Ziel unterwegs, die israelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Israel bezeichnet solche Aktionen seit Jahren als politische Provokation und verweist darauf, dass Hilfsgüter über kontrollierte Wege in den Gazastreifen gelangen könnten. Am Dienstag wurden die Schiffe von israelischen Kräften abgefangen und nach Israel gebracht.
Ben-Gvirs Auftritt wird zum diplomatischen Problem
Der eigentliche politische Sturm brach jedoch erst aus, als Ben-Gvir Videos von seinem Besuch bei den festgehaltenen Aktivisten veröffentlichte. In den Aufnahmen sind Aktivisten zu sehen, die auf dem Boden knien, teils mit gefesselten Händen. Ben-Gvir ruft ihnen auf Hebräisch zu: „Willkommen in Israel! Wir besitzen diesen Ort.“ In einem weiteren Ausschnitt reagiert er auf den Ruf „Free Palestine“ mit den Worten: „Halt den Mund!“
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu distanzierte sich deutlich von dem Auftritt seines Koalitionspartners. Israel habe zwar jedes Recht, provokative Flottillen daran zu hindern, in israelische Gewässer einzudringen und Gaza zu erreichen. Die Art und Weise, wie Ben-Gvir mit den Aktivisten umgegangen sei, entspreche jedoch nicht den Werten und Normen Israels. Netanjahu erklärte zudem, er habe angewiesen, die Aktivisten so schnell wie möglich abzuschieben.
Auch Außenminister Gideon Sa’ar übte scharfe Kritik. Ben-Gvir habe dem Staat Israel bewusst geschadet und die Arbeit vieler Menschen zunichtegemacht – von Soldaten der israelischen Armee bis zu Mitarbeitern des Außenministeriums. „Nein, du bist nicht das Gesicht Israels“, schrieb Sa’ar auf X. Israels Botschafter in den USA, Yechiel Leiter, erklärte ebenfalls, Ben-Gvirs Auftritt stehe nicht für die Politik der israelischen Regierung.
Auch Israels Unterstützer gehen auf Distanz
Besonders bemerkenswert war die Reaktion des amerikanischen Botschafters in Israel, Mike Huckabee. Huckabee, der als klarer Unterstützer Israels gilt, schrieb auf X, die Flotilla sei zwar ein „dummer PR-Stunt“ gewesen, Ben-Gvir habe aber „die Würde seiner Nation verraten“. Zugleich sprach er von „verabscheuungswürdigen Handlungen“ und verwies auf die breite Verurteilung durch hochrangige israelische Vertreter.
International fielen die Reaktionen noch schärfer aus. Italien, Frankreich, die Niederlande, Kanada und weitere Staaten bestellten israelische Diplomaten ein oder verlangten Erklärungen. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Außenminister Antonio Tajani erklärten, die Bilder seien „inakzeptabel“ und verletzten die persönliche Würde der festgehaltenen Aktivisten. Auch Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot nannte Ben-Gvirs Verhalten untragbar und forderte die schnelle Freilassung französischer Staatsbürger.
Oppositionspolitiker in Israel machten nicht nur Ben-Gvir, sondern auch Netanjahu verantwortlich. Der frühere Generalstabschef Gadi Eisenkot warf Ben-Gvir vor, Israels Ansehen in der Welt bewusst zu beschädigen, um in sozialen Medien Aufmerksamkeit zu bekommen.
Der Vorfall zeigt einmal mehr die Spannungen innerhalb der israelischen Regierung: Während Israel international versucht, sein Vorgehen gegen die Hamas und gegen politische Flottillen als legitime Sicherheitsmaßnahme darzustellen, liefern Auftritte wie jener Ben-Gvirs den Kritikern des Landes neues Material. Selbst überzeugte Unterstützer Israels wie Huckabee machten deutlich: Die Auseinandersetzung mit antiisraelischen Aktivisten rechtfertigt nicht jedes Bild, jede Geste und jede Demütigung.
Für Israel ist der Schaden bereits angerichtet. Aus einer abgefangenen Flotilla wurde binnen weniger Stunden ein diplomatischer Zwischenfall – nicht wegen der Sicherheitsoperation selbst, sondern wegen eines Ministers, der den Moment für eine politische Inszenierung nutzte.
Titelbild: Itamar Ben-Gvir bei einer Fraktionssitzung seiner Partei in der Knesset, dem israelischen Parlament in Jerusalem. Foto: Yonatan Sindel/Flash90