
Schawuot – Als das Volk Israel Zeuge Gottes wurde
JERUSALEM 21.05.2026 (LS) – Der jüdische Feiertag Schawuot beginnt in diesem Jahr am heutigen Donnerstagabend, dem 21. Mai 2026, und endet am Freitagabend nach Einbruch der Dunkelheit. Damit geht der Feiertag direkt in den Schabbat über, was ihn gewissermaßen zu einem zweitägigen Feiertag macht, denn auch alle Vorbereitungen für den Schabbat müssen bereits vor Beginn des Schawuot abgeschlossen sein.
Wie und was wird an Schawuot gefeiert?
Es ist verwunderlich, dass Schawuot ein so wenig bekannter Feiertag ist, wenn man bedenkt, dass er an das bedeutendste Ereignis der jüdischen Geschichte erinnert – die Übergabe der Thora am Berg Sinai.
Die Übergabe der Thora war ein Ereignis von gewaltigem Ausmaß, das dem jüdischen Volk einen unauslöschlichen Stempel in Bezug auf Charakter, Glauben und Schicksal aufgedrückt hat. Seitdem sind die Ideale der Thora – Monotheismus, Gerechtigkeit, Verantwortung – zur moralischen Grundlage der westlichen Zivilisation geworden.
Schawuot findet nach dem hebräischen Kalender am 6. Siwan statt, dem Höhepunkt einer siebenwöchigen Periode, dem „Zählen des Omer“, die auf das Pessachfest folgt. Der Name „Schawuot“ bedeutet „Wochen“ und steht für die Wochen der Vorbereitung und Vorfreude, die dem Ereignis am Sinai vorausgingen. Deshalb wird der Feiertag auf Deutsch auch „Wochenfest“ genannt. Schawuot ist ein voller Feiertag („Jom Tov“) und unterliegt daher weitgehend denselben Einschränkungen wie der Schabbat – z.B. kein Arbeiten, Autofahren, Schreiben. Eine Ausnahme bildet die Zubereitung von Speisen, die erlaubt ist.

Der Schwerpunkt von Schawuot liegt auf dem Lernen der Thora. Viele Juden widmen daher die ganze Schawuot-Nacht dem Studieren der heiligen Texte. Das nächtliche Studium an Schawuot wird „Tikkun Leil Schawuot“ genannt, was so viel bedeutet wie „ein Akt der Selbstvervollkommnung in der Nacht von Schawuot“. Dies rührt von der Beschreibung der Thora als Weg zur Selbstvervollkommnung.
Weiterhin wird beim Gottesdienst am Schawuot-Morgen Juden das biblische Buch Ruth gelesen. An Schawuot ist es Brauch, die Synagoge mit Zweigen und Blumen zu schmücken. Der Grund dafür ist, dass der Berg Sinai an dem Tag, an dem die Thora übergeben wurde, in voller Blüte stand. Die Bibel verbindet Schawuot zudem mit der Weizen- und Obsternte. Es gibt außerdem eine weit verbreitete jüdische Tradition, an Schawuot Milchprodukte zu essen.
Zeugen am Sinai
Die Thora beschreibt die Geschichte der Offenbarung am Berg Sinai als ein Ereignis, in der jeder Mann, jede Frau und jedes Kind das göttliche Wort mit allen Sinnen erlebte: Donner, Blitz, ein Schofarstoß, ein bebender Berg und eine Stimme, die ein ganzes Volk erreichte.
Im Gegensatz zu anderen Ereignissen, in denen Gott privat zu einem einzelnen Propheten sprach, erklärt die Thora, dass das jüdische Volk selbst hörte, wie Gott verkündete: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat.“ Es hörte auch, wie Gott zu Moses sprach und ihn zu seinem Propheten und zur Führungsperson für das jüdische Volk ernannte. Die Thora betont wiederholt den öffentlichen Charakter der Offenbarung und fordert spätere Generationen auf, sich zu erinnern – und Zeugnis abzulegen.
„Ihr seid meine Zeugen“, verkündete der Prophet Jesaja im Namen Gottes (Jesaja 43,10). Das jüdische Volk ist nicht nur im poetischen, sondern auch im wörtlichen Sinne Zeuge: Seine nationale Geschichte wurzelt in einer gemeinsamen Begegnung mit Gott am Sinai. Es gibt sogar ein Gebot, die Erinnerung an diesen Tag an die eigenen Kinder weiterzugeben, um sicherzustellen, dass der Sinai ein lebendiger Bezugspunkt bleibt und nicht zu einem verblassenden Mythos wird.
Schawuot ist in diesem Sinne ein jährlicher Tag des Zeugnisses. Jedes Jahr versammelt sich das jüdische Volk erneut – durch Gebet, Studium und Tradition – und erklärt: Wir waren dabei, wir erinnern uns, und wir sind nach wie vor an das gebunden, was wir gehört haben.
Titelbild: Religiöse Juden singen und tanzen am Vorabend des jüdischen Schawuot-Festes mit einer Thora-Rolle vor dem Davidsgrab in der Altstadt von Jerusalem. Foto: Miriam Alster/Flash90