
„Hamas raus!“ – Hunderte Palästinenser protestieren erstmals seit einem Jahr gegen Hamas in Gaza
JERUSALEM 28.06.2026 (LS) – Trotz Drohungen der Hamas sind am Freitag Hunderte Palästinenser im Gazastreifen auf die Straße gegangen und haben offen gegen die Terrororganisation demonstriert – zum ersten Mal seit fast einem Jahr. Sie trugen Schilder mit den Aufschriften „So Gott will, Hamas raus“, „Wir sind keine Schachfiguren“ und „Wir wollen leben“. Die Demonstration war Wochen im Voraus geplant worden – und Hamas tat alles, um sie zu verhindern.
„Juni-26-Revolution“ – Wochen der Einschüchterung
Die Proteste, die unter dem Motto der „Juni-26-Revolution“ stattfanden, waren an 18 verschiedenen Standorten im gesamten Gazastreifen geplant worden. Doch je näher das Datum rückte, desto massiver wurde der Hamas-Druck: Mitglieder der Terrororganisation begannen, Bewohner einzuschüchtern und zu bedrohen, die eine Teilnahme erwogen – was sich auf die Beteiligung auswirkte. Quellen aus Gaza teilten Ynet mit, bewaffnete Hamas-Kämpfer seien in der gesamten Region stationiert worden, um zu verhindern, dass sich die Demonstrationen auf mehrere Orte ausbreiten. In einigen Fällen seien den Teilnehmern oder Personen, die als mit den Aufrufen zu den Protesten in Verbindung stehend identifiziert wurden, ihre Mobiltelefone abgenommen worden.
Imame in Moscheen nutzten die Freitagspredigten der Vorwoche, um von einer Teilnahme an Protesten abzuraten und diese als religiös verboten darzustellen – ohne Hamas explizit zu erwähnen, aber mit unmissverständlicher Botschaft. Einer der prominentesten Organisatoren, der in Kairo lebende Journalist Abed al-Hamid Abed al-Ati, erhielt Todesdrohungen gegen seine Familie und zog seine Beteiligung kurzzeitig zurück – um sie danach wieder aufzunehmen: „Einschüchterung bringt keine Ergebnisse. Wir machen weiter für die Träume unseres Volkes.“
Demonstrationen wurden in Beit Lahiya, im Flüchtlingslager Jabalia im Norden, im Sabra-Viertel von Gaza-Stadt sowie in Khan Yunis und Nuseirat dokumentiert.
Hamas zwischen Kontrolle und Kontrollverlust
Die Hamas hat in fast zwei Jahrzehnten ihrer Herrschaft in Gaza mehrere Protestwellen erfolgreich niedergeschlagen – zuletzt 2017 und 2019, als Sicherheitskräfte Demonstrationen mit Gewalt, Verhaftungen und Einschüchterung beendeten. Akutell hält die Terrororganisation weiterhin faktische Kontrolle über jene Teile des Gazastreifens, aus denen sich die israelische Armee (IDF) zurückgezogen hat – und hat ihre Machtstellung durch die Hinrichtung von Gegnern gefestigt.
Unter dem von den USA vermittelten 20-Punkte-Plan zur Beendigung des Krieges soll Hamas entwaffnen und die Macht an eine Übergangsbehörde abgeben. Diese Pläne sind jedoch nicht über die erste Waffenstillstandsphase hinausgekommen, da die Terrororganisation sich weigert, ihre Waffen abzugeben.
Experte Harel Chorev vom Moshe-Dayan-Zentrum der Universität Tel Aviv erklärt: „Zumindest ein Teil des Widerstands gegen Hamas‘ Herrschaft brodelt seit mehr als anderthalb Jahren – noch vor Beginn des Krieges.“ Und Hamza Hawidi, ein ehemaliger Gazabewohner im deutschen Exil, der selbst früher für Kritik an Hamas misshandelt wurde, sieht in den Protesten ein historisches Signal: „Der Grund, warum die Menschen das eineinhalb Jahre lang nicht getan haben, war Angst. Jetzt scheint die Mauer der Angst gebrochen zu sein.“
Ob dieser Riss tatsächlich einen Wandel einleitet, bleibt abzuwarten. Hamas hat Proteste bisher immer überlebt. Doch dass Hunderte Palästinenser mitten in Gaza offen Schilder mit „Hamas raus!“ hochhalten ist eine deutliche Bedrohung des Einflusses der Terrororganisation.
Titelbild: Hamas-Polizeikräfte patroullieren in Gaza-Stadt. Foto: Ali Hassan/Flash90