
Friedensnobelpreis geht an Israel-Kritikerin: „Ein Preis für Lügen, Hass und Blutverleumdungen“
von Tommy Mueller
JERUSALEM / OSLO, 09.10.2026 – Eine der schärfsten und umstrittensten Kritikerinnen der israelischen Politik erhält den diesjährigen Friedensnobelpreis: die südafrikanische Juristin und Menschenrechtlerin Navanethem („Navi“) Pillay (85). Das norwegische Nobelkomitee würdigte nach Angaben seines Vorsitzenden Jørgen Watne Frydnes ihren Einsatz zur Förderung des Friedens und des Völkerrechts. Israel reagierte mit scharfer Kritik. Der Preis ist mit umgerechnet rund einer Million Euro dotiert. Nominiert waren in diesem Jahr 287 Kandidaten – 208 Einzelpersonen und 79 Organisationen.
Pillay war von 2008 bis 2014 UN-Hochkommissarin für Menschenrechte. Von 2021 bis 2025 leitete sie die „Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zu den besetzten palästinensischen Gebieten“. In beiden Funktionen kritisierte sie die israelische Regierung und das Vorgehen der israelischen Armee wiederholt in überaus scharfer Form. Derzeit ist sie Richterin am Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag.
Völkermord-Vorwurf gegen israelische Politiker
Infolge des Gaza-Kriegs verschärfte sich ihre Rhetorik erheblich. Im September 2025 warf ihre Kommission Israel Völkermord im Gazastreifen vor. Im Oktober 2025 erklärte Pillay vor der UN-Generalversammlung: „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Staat Israel für die Begehung von vier völkermörderischen Handlungen in Gaza verantwortlich ist, mit der spezifischen Absicht, die Palästinenser in Gaza als solche zu vernichten.“ Zudem habe die Kommission festgestellt, „dass der israelische Präsident, der Premierminister und der ehemalige Verteidigungsminister zur Begehung von Völkermord aufgestachelt haben“.
Bereits im Juni 2025 hatte sie die Lage im Gazastreifen vor dem UN-Menschenrechtsrat als „den rücksichtslosesten, langwierigsten und am weitesten verbreiteten Angriff gegen das palästinensische Volk in der Geschichte“ bezeichnet. „[…] Es besteht die Absicht, die Palästinenser in Gaza durch Handlungen zu vernichten, die die in der Völkermordkonvention festgelegten Kriterien erfüllen.“
Vorwurf: Terror verharmlost
Navi Pillay steht seit Jahren in der Kritik der israelischen Regierung sowie internationaler Verbündeter wie der USA – nicht erst seit dem Gaza-Krieg. Ihr und ihren Berichten wird eine systematische, einseitige Voreingenommenheit vorgeworfen. Kritiker wie die Organisation UN Watch halten ihr vor, den Terror palästinensischer Organisationen wie der Hamas in ihren Berichten systematisch zu verharmlosen oder auszublenden und Begriffe wie „Terrorismus“ nur in Anführungszeichen zu verwenden.
Das israelische Außenministerium hatte die Berichte der Kommission bereits in der Vergangenheit als „skandalös“, als einseitige „Fake Reports“ und als „Blutverleumdung“ zurückgewiesen.
Auch in Deutschland ist die Juristin umstritten. Im September 2022 sollte Pillay in Berlin die Otto-Hahn-Friedensmedaille der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen erhalten. Kritiker warfen ihr unter anderem vor, Sanktionen gegen Israel gefordert und die BDS-Bewegung unterstützt zu haben, die der Bundestag 2019 als antisemitisch eingestuft hat. Nach massiven Protesten jüdischer Organisationen und Politiker sagte die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) die Verleihung im Roten Rathaus ab. Eine solche Preisverleihung setze eine „breite Zustimmung der Stadtgesellschaft“ voraus, hieß es zur Begründung.
Am Freitag gratulierte die Bundesregierung der Juristin. Pillay habe „über Jahrzehnte hinweg mit großem persönlichem Engagement und beeindruckender Beharrlichkeit für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Durchsetzung des Völkerrechts gekämpft“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Stefan Meyer in Berlin.
Außenministerium: Goebbels applaudiert aus der Hölle
Das israelische Außenministerium nannte die Vergabe dagegen eine „groteske Instrumentalisierung einer Auszeichnung zur Legitimierung von Hass und Vorurteilen gegenüber Israel“. Gäbe es einen Preis „für Lügen, Hass und Blutverleumdungen“, wäre Pillay eine der Favoritinnen, heißt es in der Erklärung. Und weiter: „Nun, da die Nobelkommission die größte Lüge des 21. Jahrhunderts ausgezeichnet hat, applaudiert Joseph Goebbels sicherlich aus der Hölle.“
Titelbild: Die südafrikanische Richterin Navanethem „Navi“ Pillay gestikuliert nach einer Pressekonferenz in Genf am 16. September 2025. Foto: Fabrice Coffrini / AFP