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Alle Stimmen der Knessetwahl sind ausgezählt: Keine Mehrheit für Regierung und Opposition

von Tommy Mueller

JERUSALEM, 30.10.2026 – Die Stimmen der Knessetwahl 2026 sind ausgezählt. Weder das Regierungslager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu (53 Sitze) noch die Opposition unter Führung des früheren Generalstabschefs Gadi Eisenkot (48 Sitze) kommt auf die Mehrheit von mindestens 61 der 120 Mandate. Gewinner der Wahl sind die arabischen Parteien Ra’am und Vereinte Liste: Mit zusammen 19 Sitzen haben sie ihr früheres Ergebnis fast verdoppelt.

Eisenkot gerät unter Druck

Regierungschef Netanjahu hat noch in der Wahlnacht gewarnt: „Wir dürfen auf keinen Fall Israel gefährden und eine Regierung bilden, die von antizionistischen arabischen Parteien unterstützt wird.“ Gleichzeitig wächst der Druck auf Eisenkot. Vor seinem Haus versammelten sich Demonstranten, die ihn aufforderten, mit den arabischen Parteien eine Regierung zu bilden und Netanjahu abzulösen. Ein Bündnis mit den Parteien der arabischen Minderheit, die rund 20 Prozent der Bevölkerung stellt, hatte der frühere Armeechef vor der Wahl jedoch ausgeschlossen. Sein Verbündeter Avigdor Liberman, dessen Partei Yisrael Beitenu sieben Sitze gewann, kündigte an, er werde keiner Regierung beitreten, die von arabischen Parteien abhängig sei. Eine Zusammenarbeit mit Netanjahu und den ultraorthodoxen Parteien lehnt Liberman ebenfalls kategorisch ab.

Damit dürfte die Regierungsbildung sehr schwierig werden. Staatspräsident Isaac Herzog forderte die Parteiführer auf, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um eine weitere Wahl zu vermeiden. Zwischen 2019 und 2022 hatten die Israelis binnen dreieinhalb Jahren fünfmal gewählt; nach den ersten vier Wahlen kam keine stabile Regierung zustande.

Das Ergebnis steht fest, die Patt-Situation bleibt. Grafik: Fokus Jerusalem Quelle: Zentrale Wahlkommission

Die neu gewählte Knesset soll am 10. November vereidigt werden. Die Koalitionsverhandlungen könnten sich über mehr als zwei Monate hinziehen.

Wahlkommission: Kein flächendeckender Wahlbetrug

Aus den Reihen des Likud war den arabischen Parteien vorgeworfen worden, sie hätten Umschläge voller Geld an Wähler verteilt, um deren Stimmen zu kaufen. Als Geldgeber wurden Katar und die Türkei genannt. Der Inlandsgeheimdienst Shin Bet ermittelt in dieser Angelegenheit. Die Zentrale Wahlkommission hat am frühen Freitagmorgen Vorwürfe eines flächendeckenden Wahlbetrugs zurückgewiesen und damit Äußerungen ihres amtierenden Direktors Dean Livne vom Donnerstag bekräftigt. Livne hat gesagt: „Die im Laufe des Tages veröffentlichten Berichte sind völlig unbegründet.“ Er betonte, dass die Untersuchung „weder Auswirkungen auf die endgültigen Ergebnisse haben wird, die dem Präsidenten vorgelegt werden, noch einen bestimmten Teil der Bevölkerung betrifft“.

Streit um die Ultraorthodoxen

Offen ist die künftige Rolle der beiden ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum. Die Ultraorthodoxen sind unzufrieden mit Netanjahu, weil seine Regierung kein Gesetz durchgebracht hat, das Thorastudenten vom Wehrdienst befreit. Nach Festnahmen von Wehrdienstverweigerern kam es zu teils gewalttätigen Massendemonstrationen. Schas-Chef Arie Deri hat den Beitritt zu einer von der Opposition geführten Regierung ohne den Likud ausgeschlossen. Das Vereinigte Thora-Judentum hingegen komme als Koalitionspartner der Opposition infrage, berichten israelische Medien unter Berufung auf ultraorthodoxe Kreise, die mit den Verhandlungen vertraut sind. Allerdings gehört die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe zu Eisenkots zentralen Wahlversprechen.

Vier Szenarien

Bis eine neue Regierung vereidigt ist, bleibt Netanjahu geschäftsführend im Amt. Denkbar sind vier Szenarien: Erstens könnte Netanjahu oder Eisenkot eine Partei aus dem gegnerischen Lager zum Überlaufen bewegen. Zweitens könnte Eisenkot eine Regierung bilden, die von den arabischen Parteien gestützt wird. Drittens wäre eine große Koalition der zionistischen Parteien möglich. Jede dieser Varianten würde den Bruch von Versprechen erfordern, die vor der Wahl abgegeben wurden. Bleibt die vierte Möglichkeit: eine Neuwahl, voraussichtlich im Frühjahr 2027.

Titelbild: Israelische Aktivisten demonstrieren vor dem Wohnhaus des Vorsitzenden der Yashar-Partei, Gadi Eisenkot, in Herzliya und fordern ihn auf, mit Unterstützung arabischer Parteien eine neue Regierung zu bilden. Foto: Miriam Alster/Flash90

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