
Krieg, Zweifel, Glaube: Wie junge Israelis ihre Spiritualität neu erfinden
JERUSALEM, 24.09.2025 (BF) – Krieg bedeutet nicht nur äußerliche Zerstörung, er greift tief in die Innenwelt von Menschen ein. Eine neue Studie der Hebräischen Universität Jerusalem zeigt, wie der andauernde Israel-Gaza-Konflikt spirituelle und religiöse Überzeugungen bei jungen Israelis verändert. Rund 1200 jüdische Studenten wurden zwischen 2023 und 2025 befragt. Etwa die Hälfte gab an, dass sich ihr Verhältnis zu Religion oder Spiritualität gewandelt habe. Zuwachs an religiöser Praxis war häufiger als ein Rückzug.
Ungefähr jeder vierte Student erklärte, in dieser Zeit religiöser geworden zu sein, während gut ein Drittel sich stärker als spirituell bezeichnete. Die Forscher Yaakov Greenwald, Mario Mikulincer und Ariel Knafo-Noam betonen, dass nicht alle denselben Weg gehen. Manche wenden sich stärker der organisierten Religion zu, andere suchen neue Formen von Sinnsuche. Einige berichten auch von abnehmender Religiosität. Damit zeigt sich: Der Krieg wirkt wie ein Katalysator, aber er führt nicht zu einheitlichen Ergebnissen.
Trauma als Auslöser innerer Umkehr
Die Studie zeigt, dass direkte Kriegserfahrungen wie Raketenangriffe, der Verlust von Angehörigen oder traumatische Einsätze eine Neubewertung des Glaubens begünstigen. Je stärker die persönliche Betroffenheit, desto eher überdenken junge Menschen ihre Überzeugungen. Die psychologische Erklärung liegt in der Terror-Management-Theorie. Sie beschreibt, wie die ständige Bewusstheit über Lebensgefahr existenzielle Ängste erzeugt, die Menschen mit Bindung an kulturelle, religiöse oder spirituelle Systeme abzufedern versuchen.
Besonders auffällig ist der Unterschied zwischen Studenten mit religiösem Hintergrund und solchen aus säkularen Milieus. Erstere vertiefen ihre Rituale, letztere suchen eher individuelle spirituelle Zugänge. Manche berichten von einer Hinwendung zur Meditation, andere von verstärkter Teilnahme an Gebetskreisen. Gleichzeitig schildern säkulare Studenten, dass sie zwar nicht religiöser wurden, aber in Symbolen und Traditionen neue Bedeutung fanden, etwa im Schabbat oder in jüdischen Festen.

Auch internationale Vergleiche zeigen, dass Krisen häufig ähnliche Effekte haben. Studien aus den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 oder aus der Ukraine nach dem russischen Angriffskrieg verweisen auf einen deutlichen Zuwachs an religiösen und spirituellen Aktivitäten. Israels Besonderheit liegt darin, dass nahezu alle jungen Menschen im Militärdienst direkt mit existenziellen Bedrohungen konfrontiert sind.
Religiöse Landschaft im Wandel
Israel ist ohnehin ein Land, in dem das Spannungsverhältnis zwischen säkularen und religiösen Gruppen immer wieder politische und gesellschaftliche Debatten auslöst. Umfragen zeigen, dass etwa die Hälfte der Israelis regelmäßig betet, während große Teile sich einer eher traditionellen oder säkularen Identität zurechnen. Der öffentliche Diskurs kreist zudem verstärkt um die Rolle religiöser Gruppen im Militär und im Staatswesen. Gerade junge Menschen, die selbst Wehrdienst leisten, spüren diese Spannungen besonders stark.
Die neue Untersuchung ist bemerkenswert, weil sie spirituelle Veränderungen in Echtzeit während eines laufenden Krieges erfasst. Frühere Studien setzten meist Jahre später an, wenn bereits eine neue Normalität eingetreten war. Hier jedoch wird sichtbar, wie sich innere Haltungen bereits in den ersten Monaten verändern. Krieg wirkt also nicht nur auf Territorien und Politik, sondern formt auch das innere Leben einer ganzen Generation.
Ob diese Entwicklungen dauerhaft bleiben, ist offen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass ein Teil der jungen Menschen nach Ende des Konflikts wieder zu alten Gewohnheiten zurückkehrt. Andere meinen, dass neue spirituelle Erfahrungen tiefe Spuren hinterlassen und langfristig die religiöse Landschaft des Landes prägen werden. Klar ist schon jetzt: Der Krieg entscheidet nicht nur über Frontlinien und politische Landkarten, er verändert auch die inneren Landkarten der Menschen, die in ihm leben.
Titelbild: Religiöse israelische Soldaten beten während der Ausbildung ihrer ultraorthodoxen Einheit. Foto: Yonatan Sindel / Flash90