
Eine Postkarte aus dem Sechstagekrieg findet nach 59 Jahren ihre Antwort
JERUSALEM, 13.09.2026 (DR) – Eine Besucherin hat in der Israelischen Nationalbibliothek in Jerusalem ein fast 60 Jahre altes Rätsel gelöst. Bei einer Führung durch eine Ausstellung mit Stücken aus dem Nachlass der bekannten israelischen Dichterin und Komponistin Naomi Schemer entdeckte sie eine Postkarte aus dem Sechstagekrieg. Die Handschrift kam ihr sofort bekannt vor: Der bislang unbekannte Absender war ihr Vater, der damalige Soldat Aharon Bar-Oz.
Die Karte erzählt von einem besonderen Augenblick der israelischen Geschichte. Schemer hatte „Jerusalem aus Gold“ kurz vor dem Sechstagekrieg von 1967 geschrieben. Die damals noch weitgehend unbekannte, 20-jährige israelische Sängerin Schuli Natan trug das Lied am Unabhängigkeitstag des selben Jahres erstmals öffentlich vor. Später wurde es zu einem der bekanntesten Lieder Israels und gilt manchen sogar als zweite Nationalhymne.
Ein Lied erreicht die Front
Das ursprüngliche Lied beschrieb die jüdische Sehnsucht nach der Jerusalemer Altstadt. Diese stand seit 1948 unter jordanischer Kontrolle und war für Israelis nicht zugänglich. Nachdem israelische Soldaten sie im Sechstagekrieg eingenommen hatten, ergänzte Schemer das Lied um eine weitere Strophe. Darin besang sie die Rückkehr zu den Zisternen und Märkten sowie den Klang des Schofars, eines Widderhorns, auf dem Tempelberg.
Unterdessen sangen israelische Soldaten das Lied bereits an der Front. Bar-Oz diente damals in einer Aufklärungseinheit im Norden Israels. Noch während der Kämpfe schrieb er Schemer: „Bravo! Und noch einmal Bravo! Ihr Lied ‚Jerusalem aus Gold‘ ist zu einem Teil unseres Lebens in den militärischen Stellungen geworden. Unsere Jungs können nicht aufhören, es zu singen und darüber zu staunen. Denn ein solches Lied bedeutet gerade in diesen Tagen etwas Besonderes, in denen das Volk kämpft und siegt.“
Da Bar-Oz weder Tisch noch Stuhl hatte, benutzte er den Rücken eines Kameraden als Schreibunterlage.

Schemer bewahrte die Postkarte auf. Neun Tage nach Kriegsende antwortete sie Bar-Oz. Sie freue sich, schrieb sie, dass sie den Soldaten durch ihr Lied wenigstens aus der Ferne etwas geben konnte.
Zwei Schreiben wieder vereint
Später gelangte die Postkarte mit Schemers Nachlass in die Nationalbibliothek. Dort wusste jedoch niemand mehr, wer sie verfasst hatte. Erst als Bar-Oz’ Tochter die ausgestellte Karte sah, erkannte sie die Handschrift ihres Vaters.
Der heute 89-Jährige hatte Schemers Antwort all die Jahre gerahmt an der Wand seines Hauses aufbewahrt. Nun übergab er auch sie der Nationalbibliothek. So sind nach 59 Jahren beide Seiten dieses besonderen Austauschs wieder vereint.
Titelbild: Naomi Schemer im Jahr 1967. Im selben Jahr schrieb die israelische Dichterin und Komponistin ihr berühmtes Lied „Jerusalem aus Gold“. Bild: Boris Carmi/Meitar Collection/Israelische Nationalbibliothek/Wikimedia Commons, CC BY 4.0