
Wehrpflicht und Wallfahrt – Streit um die Reise ultraorthodoxer Männer nach Uman
JERUSALEM, 14.09.2026 (NH) – Jedes Jahr zu Rosch ha-Schana reisen zehntausende ultraorthodoxe Juden in die ukrainische Stadt Uman. Dort beten sie am Grab von Rabbi Nachman von Breslev. Für viele Anhänger besitzt die Wallfahrt eine zentrale religiöse Bedeutung. In Israel sorgt die Reise jedoch zunehmend für Spannungen. Soldaten und Reservisten sind an mehreren Fronten im Einsatz. Gleichzeitig versuchen wehrpflichtige charedische (orthodoxe) Männer, trotz bestehender Ausreiseverbote nach Uman zu gelangen.
Verstärkte Kontrollen vor Rosch ha-Schana
Die israelischen Behörden verstärkten vor dem Feiertag die Kontrollen am Flughafen Ben Gurion und an den Landgrenzen. Nach vorliegenden Angaben wurden rund 60 bis 70 Breslever Chassiden festgenommen. Sie sollen trotz bestehender Ausreiseverbote versucht haben, das Land zu verlassen. Mehr als 80 Dienstverweigerer verbrachten die Feiertage nach den vorliegenden Angaben in Militärhaft. Berichten zufolge versuchten einige Männer, die Kontrollen zu umgehen. Demnach kamen unter anderem vorläufige Pässe mit manipulierten Fotos zum Einsatz. Auch Dokumente ähnlich aussehender Verwandter sollen verwendet worden sein.
Einige Männer wählten offenbar Ausweichrouten. Dazu gehörten Reisen über Taba in Ägypten oder über europäische Transitländer. In einzelnen Fällen sollen sich Dienstverweigerer vorübergehend der Militärjustiz gestellt haben. Nach ihrer Entlassung erhielten sie offenbar einen neuen Einberufungstermin. Anschließend konnten sie ausreisen und nach Uman weiterreisen.
Spannungen und Zwischenfälle in Uman
Auch in Uman blieb die Wallfahrt nicht ohne Zwischenfälle. Ein in sozialen Medien verbreitetes Video zeigt einen orthodoxen Wehrdienstverweigerer. Er provoziert darin israelische Polizisten und stellt deren Möglichkeiten zur Festnahme oder Auslieferung infrage. Die israelische Polizeidelegation unterstützt die örtlichen Behörden bei der Aufrechterhaltung der Ordnung. Auf ukrainischem Staatsgebiet besitzt sie jedoch keine eigenen Befugnisse zur Festnahme israelischer Wehrdienstverweigerer.
Nach Angaben lokaler Medien kamen zwischen 35.000 und 52.000 Pilger nach Uman. Berichtet wurde über große Mengen Müll und Verstöße gegen die nächtliche Ausgangssperre. Die Feierlichkeiten fanden im Schatten des anhaltenden Krieges im Gebiet Tscherkassy statt. Zudem kam es zu Auseinandersetzungen mit der ukrainischen Polizei. Dabei ging es unter anderem um Ruhestörungen und Alkoholkonsum.

Todesfall überschattet die Wallfahrt
Während die Debatte um Wehrpflichtige, Dienstverweigerer und Grenzkontrollen die Gemüter erhitzte, wurde die Wallfahrt von einem tragischen Todesfall überschattet. In einem Waldstück nahe dem Grab von Rabbi Nachman wurde die Leiche des 45-jährigen Yitzchak Elmakeyes gefunden. Der siebenfache Vater stammte aus England. Der Leichnam wies Spuren von Gewalteinwirkung auf. In der jüdischen Gemeinde besteht deshalb der Verdacht auf ein Tötungsdelikt. Die ukrainische Polizei ermittelt. Ein Verbrechen wurde bislang jedoch nicht offiziell bestätigt. Hilfsorganisationen wie ZAKA und Ichud Hatzalah stehen mit den örtlichen Behörden in Kontakt. Sie bemühen sich um die Freigabe des Leichnams zur Bestattung.
Die Vorfälle verschärfen in Israel die Debatte über die Wehrpflicht. Kritiker sehen es als besonders problematisch an, wenn sich wehrpflichtige Männer dem Dienst entziehen. Gleichzeitig riskieren israelische Soldaten und Reservisten ihr Leben für die Sicherheit des Landes. Uman steht damit exemplarisch für einen der schärfsten gesellschaftlichen Konflikte Israels. Eine tief verwurzelte religiöse Tradition trifft auf die Frage nach staatlichen Pflichten. Im Mittelpunkt steht dabei ein schwieriges Spannungsfeld: Wie lassen sich religiöse Überzeugungen und staatliche Pflichten während eines Krieges miteinander vereinbaren?
Titelbild: Jüdische Männer auf der Straße während des Tikkun HaKlali nahe dem Grab von Rabbi Nachman von Breslev in Uman, am Vorabend des jüdischen Feiertags Rosch ha-Schana. Foto: Chaim Goldberg/Flash90