
Simchat Thora: Mit der Thora weitergehen
JERUSALEM, 02.10.2026 (DR) – Am heutigen Abend beginnt in Israel Simchat Thora, das Fest der „Freude an der Thora“. In den Synagogen werden die Schriftrollen aus den Schreinen geholt und durch die Reihen getragen. Die Gemeinde singt und tanzt, Kinder freuen sich mit, nicht zuletzt wegen der vielen Süßigkeiten, die ausgehändigt und periodisch in die Runde der Tanzenden geworfen werden.
Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023, das an Simchat Thora begann, ist die Freude dieses Tages mit der Trauer um die Opfer verbunden. Die Thora erneut in die Arme zu nehmen und mit ihr zu tanzen, kann deshalb auch Ausdruck des Willens sein, jüdisches Leben trotz des erlittenen Leids fortzuführen und an die nächste Generation weiterzugeben.
Wenn das Ende zum Anfang wird
Diese Weitergabe prägt das Fest. Im Laufe eines Jahres lesen jüdische Gemeinden die Thora, die fünf Bücher Mose, abschnittsweise in der Synagoge. An Simchat Thora werden die letzten Verse über den Tod Moses vorgetragen. Unmittelbar danach beginnt die Lesung erneut mit der Schöpfungsgeschichte: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Der Weg Moses endet, das gemeinsame Lernen geht weiter.

Zu den Höhepunkten gehören die „Hakafot“, sieben Umzüge um das Lesepult, begleitet von Gesang und Tanz. Kinder erleben die Thora dabei als Mittelpunkt eines fröhlichen Gemeinschaftsfestes, lange bevor sie ihre Texte selbst verstehen können.
Zum Abschluss ein Tag der Nähe
In Israel fällt Simchat Thora mit Schmini Atzeret zusammen und endet dieses Jahr am Samstagabend. Schmini Atzeret bedeutet etwa „Versammlung am achten Tag“. Dieser eigenständige biblische Feiertag folgt auf die sieben Tage des Laubhüttenfestes Sukkot.
Der Bibelkommentator Raschi vergleicht ihn mit einem König, der seine Kinder nach einem gemeinsamen Fest bittet, noch einen Tag zu bleiben, weil ihm der Abschied schwerfällt. Zum Abschluss der Feiertage steht die besondere Nähe zwischen Gott und seinem Volk im Mittelpunkt.
Außerhalb Israels werden Schmini Atzeret und Simchat Thora an zwei aufeinanderfolgenden Tagen begangen. Früher wurde der Monatsbeginn anhand der ersten sichtbaren Mondsichel festgelegt; erreichte die Nachricht entfernte Gemeinden nicht rechtzeitig, blieb das Festdatum unsicher. Deshalb feierten sie vorsorglich zwei Tage – ein Brauch, der auch mit dem fest berechneten Kalender bestehen blieb.
Die Thora empfangen und mit ihr leben
Schon an Schawuot im Frühsommer feiern Juden die Übergabe der Thora am Sinai. Simchat Thora feiert dagegen den Abschluss ihrer jährlichen Lesung und den Neubeginn: Das einst empfangene Geschenk begleitet die Gemeinde durch ihr Leben.
Beim Tanzen bleiben die Schriftrollen geschlossen. Der Chabad-Rabbiner Yossy Goldman, langjähriger Rabbiner der Sydenham-Synagoge im südafrikanischen Johannesburg, sieht darin ein Zeichen, dass die Thora allen Juden gehört. Gelehrte und Menschen mit wenig Thorawissen können gleichermaßen mit ihr feiern.
So mündet der Weg durch die Herbstfeiertage in gemeinsame Freude: An Rosch Haschana erkennen Juden Gott als König über sich und die Welt an. An Jom Kippur bitten sie ihn, der über alles herrscht, um Vergebung. In den einfachen Laubhütten von Sukkot erinnern sie sich an seinen Schutz während der Wüstenwanderung und bringen ihr Vertrauen zum Ausdruck, dass dieser Schutz bis heute fortbesteht. Simchat Thora bildet den Höhepunkt und Abschluss der Feiertage: Juden feiern ihre Verbindung zu Gott durch die Thora.
Aus dieser Verbindung können Juden auch angesichts von Leid und Anfeindungen Kraft und Vertrauen schöpfen. Wenn Erwachsene mit den Schriftrollen tanzen und ihre Kinder mitfeiern, geben sie dieses Vertrauen weiter.
Die ersten Verse der Thora erklingen – ein weiteres Jahr jüdischen Lebens beginnt.
Titelbild: Simchat-Thora-Feier auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv, Archivbild. Erwachsene und Kinder feiern gemeinsam die Freude an der Thora. Foto: Avshalom Sassoni/Flash90