
Abbas vertagt palästinensische Wahlen auf 2027 – Hamas jubelt, Kandidaten sind fassungslos
JERUSALEM 12.10.2026 (LS) – Zwanzig Jahre nach der letzten Parlamentswahl hat der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Mahmud Abbas, die für den 28. November 2026 angesetzten Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat erneut abgesagt. Sie werden auf den 11. September 2027 verschoben. Für Kandidaten, die monatelang auf die Abstimmung hingearbeitet haben, ist es ein Schlag. Für Hamas ist es ein Geschenk.
Abbas schiebt Israel vor – Sa’ar nennt ihn „korrupten Diktator”
In einer offiziellen Erklärung begründete Abbas die Verschiebung mit israelischen Hindernissen: Israel habe weder Wahlmaterial noch internationale Beobachter nach Gaza einreisen lassen, und die Bedingungen in Jerusalem, dem sogenannten Westjordanland und dem Gazastreifen seien nicht geeignet für freie und faire Wahlen. Palästinensische Fraktionen hätten sich in Kairo auf die Verschiebung geeinigt – darunter Hamas und Fatah.
Israels Außenminister Gideon Sa’ar wies das zurück und bezeichnete Abbas auf X als „korrupten Diktator, der seit über zwanzig Jahren keine Wahlen abgehalten hat” und die internationale Gemeinschaft erneut betrüge. „Israel als Hindernis darzustellen ist eine weitere lächerliche Lüge, um Verantwortung und Rechenschaftspflicht zu entgehen.” Die letzten Parlamentswahlen fanden 2006 statt. Damals gewann Hamas und verdrängte Abbas’ Partei Fatah aus dem Gazastreifen. Die letzte Präsidentschaftswahl gewann Abbas im Jahr 2005. Seine Amtszeit hätte eigentlich auf vier Jahre beschränkt sein sollen, doch Abbas ließ seitdem keine weiteren Wahlen zu. Er ist inzwischen 90 Jahre alt.
Palästinensische Kandidaten sprachen von gebrochenen Versprechen. „Er hat die Hoffnungen von Millionen missachtet”, schrieben mehrere auf öffentlichen Kanälen. Ein Kandidat erklärte gegenüber der Jerusalem Post, die PA setze „den Status quo über das öffentliche Interesse”.
Hamas profitiert – und plant die nächste Runde
Laut Prof. Kobi Michael vom Institute for National Security Studies ist Hamas’ Unterstützung für die Verschiebung kein Zufall. Der Experte erklärte, die Hamas brauche Zeit, um ihre politische Legitimität und ihre Unterstützungsbasis in Gaza nach drei Jahren Krieg, massiven militärischen Verlusten und öffentlichem Druck wieder aufzubauen. „Hamas versteht, dass die Verschiebung ihr Zeit gibt, sich zu erholen”, so Michael.
Langfristig plant Hamas laut dem Experten, bei künftigen Wahlen über eine verbündete Liste Sitze im Legislativrat zu gewinnen, ohne selbst direkt aufzutreten. Das würde ihr ermöglichen, politischen Einfluss zu behalten und gleichzeitig gegenüber der internationalen Gemeinschaft ein demokratisches Image zu projizieren.
Eine Umfrage des Palästinensischen Zentrums für Politik- und Meinungsforschung aus dem August zeigte sinkende Unterstützung für beide Parteien – sowohl Hamas als auch Fatah. Genau das macht die Verschiebung für Abbas so riskant: Er verhindert nicht nur einen Hamas-Sieg, sondern auch die eigene demokratische Legitimierung. Für die palästinensische Bevölkerung bedeutet dies weiterhin keine Parlamentsvertretung.
Titelbild: Palästinensische Unterstützer von PA-Präsident Mahmud Abbas halten Schilder mit seinem Portrait in Ramallah. Foto: Issam Rimawi/Flash 90