
Drei Jahre Dauerdienst: Israels Reservisten zahlen mit Geld, Karriere und Seele
JERUSALEM 27.10.2026 (LS) – Sie sind die Säulen dieses Krieges: Hunderttausende Männer und Frauen, die seit dem 7. Oktober 2023 immer wieder ihre Familien, Jobs und Studienplätze verlassen haben, um das Land zu verteidigen. Zwei neue Berichte zeigen, was das nach drei Jahren kostet.
Erst der Dienst, dann die Rechnung
Die Hilfsorganisation Latet befragte vom 12. bis 18. Oktober 400 Reservisten. Das Ergebnis: 32,5 Prozent beschreiben ihre finanzielle Lage als schlechter als vor dem Krieg. 70,2 Prozent haben berufliche Chancen aufgeschoben oder aufgegeben: 40,2 Prozent verschoben Weiterbildung oder Studium, 36,5 Prozent verzichteten auf eine Beförderung, 30,5 Prozent auf einen neuen Aufgabenbereich, 17,2 Prozent stoppten die Expansion ihres Geschäfts. 35,2 Prozent sprechen von schweren beruflichen Rückschlägen.
Das hat Gründe: Im ersten Kriegsjahr leisteten Kampfsoldaten im Schnitt 136 Tage Dienst, Kommandeure 168 Tage. Vor dem Krieg waren es höchstens 25 Einsatztage in drei Jahren. Auf dem Höhepunkt waren rund 300.000 Reservisten im Einsatz. Je länger der Dienst, desto härter der Einschnitt: Wer mehr als 240 Tage diente, meldet zu 39,4 Prozent deutliche Einkommensverluste (gegenüber 28,9 Prozent bei weniger Diensttagen). Wer im vergangenen Jahr über 180 Tage leistete, berichtet zur Hälfte von spürbaren Einbußen. Bei Eltern berichten 54,6 Prozent, ihr Haushalt leide.

58 Prozent verschoben große Ausgaben, griffen auf Ersparnisse zurück oder nahmen Kredite auf. Nur etwa ein Viertel sagt aus, die staatlichen Hilfen hätten ihre Probleme wirklich gelöst. „Reservisten zahlen weiterhin einen finanziellen und emotionalen Preis”, so Latet-Gründer Gilles Darmon. Mehr als vier von zehn berichten von einer Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit.
Die Seele wartet auf einen Termin
Genau dort setzt ein zweiter Bericht an. Wie die Jerusalem Post berichtet, kommen die israelische Armee (IDF ) und das Verteidigungsministerium dem wachsenden Andrang von Reservisten, die psychologische Hilfe suchen, kaum noch nach. Reservisten, die selbst im psychischen Gesundheitswesen tätig sind, warnen, das System könne auf eine Welle von PTBS-Fällen in den kommenden Jahren unvorbereitet sein. Schätzungen der IDF und der Rehabilitationsabteilung des Ministeriums gehen davon aus, dass sich die Belastungsstörung bei Zehntausenden Soldaten entwickeln könnte, überwiegend bei Reservisten. Das Militär betont, psychische Betreuung habe höchste Priorität.
Schon Daten aus dem vergangenen Jahr zeigten die Dimension: Die Zahl der Reservisten, die Hilfe suchten, stieg von rund 270 auf etwa 3.000 pro Jahr. Ein Teil dieses Anstiegs ist ein gutes Zeichen. Das Stigma schwindet. Doch Therapeuten fehlen, und die Ausbildung dauert Jahre.
Israel ruft seine Reservisten, und sie kommen – immer wieder. Das Mindeste, was dieses Land ihnen schuldet, ist ein Staat, der ebenso verlässlich zurückkommt: mit finanzieller Hilfe, die ankommt, und mit Heilung, auf die niemand monatelang warten muss.
Titelbild: Reservisten der israelischen Streitkräfte nehmen an einer Militärübung im Norden Israels entlang der Grenze zum Libanon und zu Syrien teil. Foto: Michael Giladi/Flash90