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Die selbstgemachten Leiden der Palästinenser

JERUSALEM, 08.08.2017 (DL) – Wegen den von Israel verhängten Sanktionen gegen die Autonomiebehörde infolge der Tempelberg-Unruhen könne Abbas seinen Palast in Ramallah nicht verlassen, denn Israel halte ihn gefangen. Das behauptete Nabil Abu Rodeinah, der palästinensische Präsidentensprecher.

„Die Beschuldigungen sind falsch“, konterte das Büro des israelischen Ministerpräsidenten. Gemäß dem Motto „Wer sich selber ins Bein schießt, sollte nicht jammern, dass es wehtut“, sei die „Gefangenschaft“ des palästinensischen Präsidenten selbstverschuldet. Denn nachdem Israel an den Eingängen zum Tempelberg Metalldetektoren aufgestellt hatte, verkündete Abbas, alle Kontakte mit Israel abgebrochen zu haben, und speziell die Sicherheitskooperation. Doch das war ein Schuss ins eigene Knie. Wenn Abbas ins Ausland verreisen will, müsste er an der Jordanbrücke wenigstens einem israelischen Soldaten oder Passbeamten seinen Pass vorzeigen. Das kann er nun nicht mehr…

Abbas kann nicht nach Jordanien

Für ein Gespräch mit dem jordanischen König Abdullah am Montag konnte Abbas deshalb nicht einfach ins Auto steigen und nach Amman fahren. Vielmehr musste der König, erstmals nach fünf Jahren, mit dem Hubschrauber nach Ramallah fliegen. Abdullah verließ die inoffizielle palästinensische Hauptstadt ohne Pressekonferenz unmittelbar nach einem längeren Gespräch mit Abbas.

Was bei dem Gespräch herausgekommen ist, bleibt vorläufig geheim. Politische Beobachter in Israel glauben, dass Abbas aus dem Konflikt um den Tempelberg geschwächt hervorgegangen sei, trotz der „Siegesfeiern“ auf palästinensischen Straßen. Denn am Ende war es der jordanische König und eben nicht Abbas, der den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu davon überzeugt habe, die umstrittenen Metalldetektoren wieder abzubauen. So habe der Jordanier der arabischen Welt bewiesen, dass er der wahre Machthaber und Hüter der Heiligen Stätte sei.

Wegen des tödlichen Zwischenfalls nahe der israelischen Botschaft, wobei Ziv Moyal, ein israelischer Sicherheitsmann, zwei Jordanier erschossen hatte, reiste die gesamte Belegschaft der israelischen Botschaft nach Israel aus. Auch das erzeugte Jubel bei Palästinensern, im Westjordanland und in Jordanien selbst. Wieder war das Gefühl verbreitet, das Israel ein Schlag versetzt worden sei. Palästinenser in Jordanien demonstrierten und forderten gar eine endgültige Schließung der israelischen Botschaft, sowie eine Aufkündigung des Friedensvertrages mit dem verhassten Nachbarland.

Tausende Palästinenser sitzen fest

Doch jetzt, am Rande des Kurzbesuchs von König Abdallah in Ramallah, kamen plötzlich ganz andere Stimmen auf. Es stellte sich nämlich heraus, dass Tausende palästinensische Pässe in der israelischen Botschaft in Amman auf ihre Bearbeitung warten. Ohne israelische Stempel können palästinensische Geschäftsleute, Pilger auf dem Weg nach Mekka oder einfach nur Menschen, die ihre Familien auf der anderen Seite der Grenze besuchen wollen, die Allenby-Brücke am Jordan nicht passieren. Besonders kritisch ist dieses System für die zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens. Die benötigen eine jordanische Genehmigung, um über Israel nach Jordanien und von dort in die Welt zu reisen. Das alles wird einvernehmlich über die israelischen Diplomaten in Amman abgewickelt. Solange sich aber die Botschaftsangehörigen geschlossen zum „Heimaturlaub“ in Israel aufhalten, sitzen Tausende Palästinenser fest. Deshalb wurde jetzt ausgerechnet in Ramallah der Ruf laut, die Israelis umgehend wieder nach Amman zurückkehren zu lassen.

Bild: Der „gefangengehaltene“ Palästinenserpräsident Mahmud Abbas (links) empfing in Ramallah den jordanische König Abdullah II. mit militärischen Ehren. Foto: Flash90

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