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Jerusalem erlebt schwerste Auseinandersetzungen seit Jahren

JERUSALEM, 09.05.2021 (DK) – Zum Ende des Fastenmonats Ramadan ist es in Jerusalem zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Tausende von arabischen Demonstranten traten der israelischen Polizei zwei Abende in Folge gegenüber und warfen mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern. Bei den Protesten bekundeten die Anwesenden offen ihre Unterstützung der Terrororganisation Hamas und skandierten: „Bombardiert Tel Aviv“.  Nach Angaben des Roten Halbmonds, einer palästinensischen Hilfsorganisation, kam es bei den Unruhen nahe des Tempelbergs zu insgesamt 290 verletzten Demonstranten. Auch die israelische Polizei verzeichnete 17 Verletzte. Im Stadtteil Sheikh Jarrah nahe der Jerusalemer Altstadt brachen ebenfalls Kämpfe aus. Die derzeitige Eskalation in Israels Hauptstadt gehört zu den schwersten Gewaltausbrüchen seit vielen Jahren. 

90.000 Muslime versammeln sich auf dem Tempelberg

Am Samstagabend feierten Muslime auf der ganzen Welt das Lailat al-Qadr Fest, das als die heiligste Zeit im Fastenmonat Ramadan gilt. In dieser Nacht wurde Mohammed, gemäß der islamischen Tradition, der Koran offenbart. Zu diesem Anlass pilgern jedes Jahr Tausende muslimische Gläubige aus Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten zum Felsendom, um dort gemeinsam das Fest zu begehen. Dieses Jahr versammelten sich 90.000 Muslime auf dem Tempelberg. Auf ihrem Weg nach Jerusalem stoppten israelische Sicherheitsbeamte jedoch Busse an einem Kontrollpunkt. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass die Anreisenden planten, sich an Auseinandersetzungen mit der Polizei zu beteiligen. Die Pilger verließen die Busse und blockierten stundenlang die Verbindungsstraßen nach Jerusalem, als Zeichen des Protests. 

Nach Angaben der Tageszeitung Haaretz ist die im Gazastreifen herrschende Terrorgruppe Hamas für die Anstiftung zu den Protesten verantwortlich. Es ist im Interesse der Organisation, Druck auf die israelische Regierung auszuüben, da diese der Palästinensischen Autonomiebehörde keine Erlaubnis erteilt hatte, die anstehenden Wahlen in Ostjerusalem durchführen zu lassen. Dies hatte sich Präsident Mahmoud Abbas zum Vorwand genommen, die Abstimmung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Bei den diesjährigen Wahlen hätte die einheitlich organisierte Hamas vermutlich gute Chancen auf einen Sieg gehabt. Nun wollen sie der Verzögerung mit Gewalt ein Ende bereiten, nicht zuletzt auch um weitere Wähler zu gewinnen. 

In der Politik wächst die Sorge über den schwelenden Konflikt. Sowohl der amtierende Premierminister Benjamin Netanjahu als auch der Oppositionsführer Yair Lapid bekundeten ihre Unterstützung für das Vorgehen der Polizei. Der ehemalige Premierminister Ehud Olmert erklärte gegenüber dem Fernsehkanal Kan: „Es braut sich eine Art Intifada zusammen, die aber noch verhindert werden kann.“ Auch Verteidigungsminister Benny Gantz äußerte sich zu der ernsten  Lage: „Extremisten auf beiden Seiten dürfen keine Eskalation der Situation verursachen“. Er fügte hinzu: „Israel wird weiterhin handeln, um die Religionsfreiheit am Tempelberg zu wahren und gleichzeitig nicht zulassen, dass der Terror neu auflebt.“ Damit sprach er das grundlegende Problem an, dass derzeit nicht nur Palästinenser, sondern auch jüdische Extremisten an den Auseinandersetzungen beteiligt sind. 

Drohende Zwangsräumung sorgt für Wut

Zunächst galten die strengen Corona-Regelungen für die Besucher der Al-Aksa-Moschee als Auslöser des aufflammenden Konflikts. Inzwischen richten sich die Proteste jedoch auch gegen eine drohende Zwangsräumung der Wohnungen von rund 70 Palästinensern im Stadtteil Sheikh Jarrah. Nach israelischem Recht können jüdische Bürger einen gesetzlichen Anspruch auf Häuser in Ostjerusalem erheben, wenn ihre Vorfahren dort ansässig waren, bevor das Land an Jordanien überging. Somit flammt der alte Konflikt um Jerusalem, als einer geteilten Stadt, die von beiden Parteien ganz für sich beansprucht wird, wieder auf.

Bild: Auseinandersetzungen vor dem Damaskus-Tor der Jerusalemer Altstadt am 8.Mai 2021. Quelle: Olivier Fitoussi/Flash90

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