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Helden ohne Umhang (40) – Ziv Shilon: Ein behinderter Bataillons-Kommandeur wird Unternehmer und Sozialaktivist

von Nadine Haim Gani

JERUSALEM, 29.04.2022 – Ziv Shilon wurde am 10. Mai 1988 in Beer Scheva geboren. Er war das Nesthäkchen seiner Familie. Mit zwei größeren Brüdern und einer Schwester wuchs er in einer behüteten Familie auf. Seine Mutter Margalit arbeitete als Kindergärtnerin, sein Vater Zvi war als Unternehmer in der Textilindustrie tätig. Ziv war ein sehr sportliches Kind. Während seiner Schulzeit spielte er Basketball in der bekannten Basketballmannschaft „Hapoel Beer Scheva“.

Nachdem Ziv die Schule erfolgreich beendet hatte, begann er im Jahr 2006 seinen Dienst in der israelischen Armee. Er beschloss, der Kampfeinheit „Givati“ beizutreten und diente mehr als acht Jahre lang dem israelischen Militär. Während seiner Armeezeit nahm er an einer Vielzahl von Militäroperationen und Einsätzen teil. So kämpfte Ziv neben seinen Soldaten in der dreiwöchigen Gazaoffensive „Gegossenes Blei“ in den Jahren 2008 und 2009. Der Givati-Soldat stach durch seine Führungsstärke und glänzende Leistungen heraus und wurde für seine mutigen und herausragenden Einsätze mit einer Reihe von Verdienstabzeichen und Auszeichnungen geehrt. Ziv erkämpfte sich in den Jahren seiner Einsätze den Dienstgrad eines Kommandeurs innerhalb des „Sabre“ Givati-Kampfbataillons. Das Einsatzgebiet des Hauptmannes war zum damaligen Zeitpunkt der südliche Teil des Gazastreifens, der sogenannten Kisufim-Sektor. 

Terrortunnel-Operation

Der 23. Oktober 2012 sollte für Ziv der letzte Tag seines langjährigen Armeedienstes sein. Dieses Datum sollte sein Leben für immer verändern.

An seinem letzten Tag im Dienst arbeitete nicht nur Zivs Bataillon unter seinem Kommando entlang des Grenzzaun-Bereichs zwischen Gaza und Israel. Weitere Ingenieur- und Panzerkräften unterstützten die Einheit in einer nächtlichen geheimen Operation. Die Streitkräfte suchten nach versteckten Sprengkörpern und unterirdischen Terrortunneln. Die Nacht des 23. Oktober war eine außerordentlich kalte Spätsommernacht. Dichter Nebel erschwerte Ziv und seinen Männern die Sicht. Die Mission dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Die Soldaten hatten ihre Aktivität erfolgreich abgeschlossen und waren im Begriff, auf israelischen Boden zurückzukehren. Aufgrund der eingeschränkten Sicht beschloss Ziv, das Grenzzauntor selbst zu öffnen, um den israelischen Panzern die Rückkehr auf israelisches Territorium zu ermöglichen. Ziv fühlte sich als Hauptmann für seine Soldaten verantwortlich. Da er keinen seiner Jungs in Gefahr bringen wollte, ließ er sein Bataillon 250 Meter hinter sich warten.

Ziv wusste, dass er in der Umgebung auch auf ein Scharfschützen-Kommando der Hamas treffen könnte. Mit größter Vorsicht erreichte er das Grenztor. Er öffnete das Schloss und trat etwa drei Schritte nach vorne, als eine gewaltige Explosion Zivs Körper in die Luft warf. Palästinensische Terroristen hatten einen Sprengsatz am Grenzzaun befestigt. Ziv verlor das Bewusstsein.

Lebensgefährliche Verletzungen

Nach langen Minuten kam der verletzte Kommandeur zu sich. Sein ganzer Körper war verbrannt und das Blut strömte unaufhörlich aus den schweren Handverletzungen. Ziv versuchte das Blut zu stoppen, indem er mit seiner rechten funktionierende Hand auf die große Wunde an seinem linken Arm presste. Doch dann erkannte er mit Schrecken, dass sein Unterarm nicht mehr an seinem Arm war. Die Detonation hatte seine linke Hand abgerissen und seinen rechten Arm schwerst verletzt. Zivs Gedanken rasten. Das Schlimmste, was dem Soldaten jetzt passieren könnte, wäre die Entführung durch Hamas-Terroristen auf palästinensisches Gebiet. Er musste sich umgehend von dem Tatort entfernen. Geistesgegenwärtig packte Ziv den Überrest seines Armes und rannte zurück zu den Fahrzeugen der israelischen Sicherheitskräfte.

Nachdem die Soldaten ihrem Kommandeur Erste Hilfe geleistet hatten, wurde Ziv in lebensgefährlichem Zustand mit einem Helikopter ins Soroka-Krankenhaus in Beer Scheva geflogen.

Ziv Shilon einige Tage nach seiner lebensgefährlichen Verletzung. Im Soroka-Krankenhaus in Beer Scheva kämpften die Ärzte stundenlang um sein Leben. Foto: Dudu Greenspan / Flash90

In einer stundenlangen Notoperation versuchten die Ärzte, Zivs Leben zu retten und seine rechte Hand zu rekonstruieren. Er erhielt 52 Bluttransfusionen. Die achtfache Blutmenge, die ein gesunder Mensch besitzt. Der Patient erlangte erst vier Tage später sein Bewusstsein zurück. Immer an seiner Seite war Adi, seine langjährige Freundin. Lange Tage blickte sie voller Sorge in das schwarz verkohlte Gesicht ihrer großen Liebe. Doch sie war sich sicher, ihr Ziv würde es schaffen. Und das tat er auch!

Kampf zurück ins Leben

Als sich der Zustand des verletzten Kommandeurs langsam stabilisierte, realisierte Ziv, dass er jetzt vor dem wahren Kampf seines Lebens stand. Der Veteran litt unter ständigen Schmerzen und musste während seines Krankenhausaufenthaltes weitere 17 chirurgische Eingriffe über sich ergehen lassen. Aus einem Kompaniechef, der die Verantwortung für fast 150 Soldaten trug, wurde ein Pflegefall. Er brauchte Hilfe beim Essen, Duschen und Anziehen. Ziv kämpfte sich zurück in den Alltag. Fast ein Jahr später wurde er aus dem Rehabilitationszentrum entlassen. Da gelangte er zu der Erkenntnis, dass ein großer Teil der Welt, die draußen auf ihn wartete, nicht für Behinderte gebaut war.

Weltweit gibt es mehr als 300 Millionen Menschen, die mit dem Verlust der Feinmotorik konfrontiert sind. Viele können technologische Geräte nicht steuern, weil ihnen die Fähigkeit fehlt, einen Touchscreen oder eine Computermaus zu bedienen. Neuartige Sprachsteuerungen, die behinderten Menschen im Alltag helfen sollen, werden niemals so genau sein wie die Nachahmung von Handbewegungen.

6Degrees wird ins Leben gerufen

Vor diesem Hintergrund begann Ziv, akademische Programme zu erforschen und zu entwickeln. Er wollte behinderten Soldaten die Fähigkeit schenken, wieder ein Teil der modernen Welt zu sein. Die Programme sollten den Personen nicht nur körperliche Hilfestellung leisten, sondern auch für die psychische Gesundheit der Betroffenen von großem Wert sein.

Ziv startete ein Projekt mit Aryeh Katz und der Industriedesignerin Miri Berger, die bereits an einer technologischen Lösung für Menschen gearbeitet hatten, die durch einen Unfall ihre Hände verloren haben. Zusammen gründeten sie das grenzüberschreitende Technologie-Start-Up „6Degrees“.

Das Start-up arbeitete an einem Gadget, das technische Geräte steuern kann. Dies ermöglicht es Menschen, denen ein Teil ihrer oberen Extremitäten fehlt, diese Geräte zu benutzen. Die Verletzung der Person kann von Geburt an oder als Folge eines Unfalls auftreten. Das Unternehmen wird von dem erfolgreichen Hightech-Investor Rami Bracha geleitet. 

Auch Rami wurde in einer Militäroperation der israelischen Armee schwer verwundet. Er diente zur Zeit des ersten Libanonkrieges als Zugführer im 890. Bataillon der Fallschirmjäger-Brigade. Während einer Rettungsaktion auf feindlichem Gebiet trat er auf eine Landmine. Der Soldat verlor seine rechte Hand und sein linkes Bein.

Das Unternehmen entwarf einen sehr leichten, tragbaren Prototypen, der nicht nur Kriegsveteranen, sondern selbst kleine Kinder im Alltag unterstützen kann. So erhalten die Patienten ein Gefühl von Normalität und Unabhängigkeit zurück. Dabei ist das 6Degree-Gadget nicht nur für Menschen mit Amputationen gedacht. Auch Menschen mit Parkinson und Kinder mit Zerebralparese profitieren von der Technik.

Das 6Degress ist eine Art Armband und wird am Oberarm getragen. Das Gerät kann sich kabellos über Bluetooth mit jedem Smart-Gerät verbinden. 6Degree besitzt die Fähigkeit, jede Bewegung als Befehl auf dem jeweiligen Gerät zu übersetzen. Innerhalb weniger Minuten ist so der Benutzer fähig, das technische Gerät selbst zu steuern. Ziv war der erste Prüfling des neuartigen Gadgets in Israel.

Hochzeitsantrag

Im Jahr 2014 machte Ziv seiner geliebten Adi einen Hochzeitsantrag. Das Paar war zu einem Kongress der „Friends of the IDF“ in Florida eingeladen worden. Ziv nutzte den Moment und hielt um die Hand seiner Herzensdame an. Einige Monate später gab sich das Paar das Ja-Wort. Die beiden wurden später mit einer Tochter und einem kleinen Sohn gesegnet. Heute lebt die junge Familie in Herzliya in Zentralisrael. Adi zeigte nach der schweren Verletzung ihres Mannes, dass man mit dem Herzen liebt und nicht mit den Händen. Sie wusste, dass der Weg mit ihrem Ehemann und dem Vater ihrer Kinder ein komplexer und herausfordernder Weg sein wird. Aber sie bewies einem ganzen Land, dass Liebe und Willenskraft größer sind als alles andere.

Fitnessprogramm im Jugendgefängnis 

Ein Jahr später gründete Ziv „Someone to run with“. Das soziale Projekt wurde speziell auf Teenager ausgerichtet, die vom Staat als „gefährdete Jugendliche“ eingestuft wurden. Oft kommen diese jungen Erwachsenen aus zerrütteten oder gewalttätigen Familien. Gemeinsam mit verwundeten IDF-Soldaten förderte Ziv die Jugendlichen durch körperliche Aktivitäten und Extremsport. Im Rahmen seines erfolgreichen Projekts nahmen Jugendliche aus dem ganzen Land an seinen Wettbewerben und Workshops teil. Eine positive Entwicklung der Persönlichkeit jedes einzelnen Jugendlichen zeichnete sich ab. Die Kriegsveteranen arbeiteten mit ihren schwer erziehbaren Schützlingen so lange intensiv weiter, bis auch sie ihren Platz in der israelischen Armee finden konnten.

Der große Erfolg des „Someone to run with“-Projekts brachte Ziv auf die Idee, sein soziales Engagement weiter auszubauen. Im Jahr 2016 entschloss er sich, das Fitnessprogramm „Combat Fitness“ für junge Menschen im Ofek-Jugendgefängnis zu starten. In Zusammenarbeit mit der Organisation „Zahala“ und der Gefängnisleitung wurde die Idee umgesetzt. Ziel der Aktivität war es, die kriminellen Jugendlichen zu bestärken und zu rehabilitieren. Die nachhaltige Arbeit mit den vorbestraften Teenagern wurde so lange fortgesetzt, bis sie in vormilitärische Vorbereitungsschulen integriert wurden und nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis dem Dienst in der israelischen Armee beitreten konnten. Das Projekt schenkte jedem der Schützlinge einen Neustart für ihre Zukunft.

Ziv und Itzik Saidian. Itzik steckte sich vor genau einem Jahr selbst in Brand. Er öffnete mit seinem verzweifelten Akt die israelische Pandora-Büchse im Umgang mit Kriegsveteranen. Foto: Mit freundlicher Erlaubnis von Ido Izsak

Zurück zum Sport

Auch Ziv fand langsam seinen Weg zurück zur Welt des Sports. Der Veteran beschloss, dass seine Behinderung ihn nicht von seiner Leidenschaft abhalten darf. Nur drei Jahre nach seiner lebensgefährlichen Verletzung nahm Ziv im Jahr 2015 am Berlin-Marathon teil. Seitdem hat er weitere Dutzende Wettbewerben absolviert, darunter fünf Marathon-Läufe. Im November 2018 sollte der große Tag des Kämpfers kommen. Nach zwei Jahren intensiven Trainings nahm er am weltbekannten Ironman-Triathlon in den USA teil. Der atemberaubende Wettkampf wurde in Arizona ausgetragen. Ziv trat als Kriegsveteran mit einer fast vollständigen Behinderung beider Hände gegen Athleten ohne Behinderungsgrad an. Ziv war einer der wenigen Teilnehmer, die den Triathlon erfolgreich absolvierten. Er überquerte nach etwa 13 Stunden die Ziellinie.

Im Jahr 2018 wurde er mit dem „Rehabilitation Exemplary Award“ des Verteidigungsministeriums ausgezeichnet, und nur ein Jahr später erhielt Ziv vom damaligen Stabschef der israelischen Armee, Generalmajor Gadi Eisenkot, vor der „Senior Command Avenue der IDF“ eine Ehrenauszeichnung für seine Dienste und Leistungen.

Es dauerte nicht lange und auch eines der erfolgreichsten Wirtschaftsmagazine weltweit, die amerikanische Forbes, wurde auf den israelischen Kämpfer aufmerksam. Im Jahr 2018 wurde Ziv in eine der anerkannten „Forbes-30 Under 30“ Aufstellungen gewählt. Die „Forbes 30 Under 30“ würdigt Geschäfts- und Branchenkenner unter 30 Jahren.

Zivs besondere Workshops

Schon in den ersten Monaten nach der Terrorattacke begann Ziv, mit Teenagern und Studenten über die schmerzhafte Geschichte seiner Verletzung zu sprechen. Im Laufe der Jahre hielt er Hunderte von Vorträgen. Bei seinen Veranstaltungen beschäftigt er sich mit Themen wie persönlicher Ermächtigung und der Bewältigung von Extremsituationen. Er gibt seinen Zuhörern Werkzeuge für den Umgang mit persönlichen und kollektiven Herausforderungen an die Hand, versucht gemeinsam mit seinem Publikum Lösungen zu finden und vieles mehr. Seine mitreißenden Vorträge hält er nicht nur vor hochrangigen Sicherheitskräften der israelischen Armee und speziellen Militäreinheiten. Ziv hält seine Workshops auch in privaten Unternehmen, vor Jugendlichen und Studenten und bei Veranstaltungen in Israel und im sogar im Ausland.

Ziv Shilon nimmt an einem Protest israelischer Veteranen und behinderter IDF-Soldaten teil. Die ehemaligen Soldaten demonstrieren für bessere finanzielle und medizinische Hilfe und Unterstützung vor der Knesset in Jerusalem. Foto: Yonatan Sindel / Flash90

Der Prozess von Zivs Rehabilitation, sein Einsatz für die Jugend des Landes und sein großer Wunsch, die Welt ein wenig besser zu machen, wurde für viele zu einer wunderbar inspirierenden Geschichte. Es ist eine Geschichte über die Kraft des Geistes und die Bewältigung von schwersten Herausforderungen, die auf den ersten Blick selbst unter „normalen“ Umständen unmöglich gemeistert werden können. Der Ironman-Marathon ist nur einer seiner unglaublichen Siege. Ziv lehrt sein Umfeld, dass selbst der Verlust einer Hand nicht das Ende der Welt bedeutet und jede Notlage überwunden werden kann. 

Für uns ist Ziv ein Held! Statt Umhang trägt er eine Prothese.

Titelbild: Ziv Shilon während einer Pressekonferenz im Verteidigungshauptquartier in Tel Aviv, in der neue Reformen für die Rehabilitationsabteilung der IDF vorgestellt wurden. Foto: Tomer Neuberg / Flash90

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