
***FREIGELASSEN*** Die Gesichter & Geschichten hinter den Geiseln – Yarden Bibas
JERUSALEM, 16.06.2024 (NH) – Wir wollen den Geiseln in Gaza ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen. Wir wollen gemeinsam unseren Alltag für ein paar Minuten anhalten und für die Heimkehr eines jeden Einzelnen beten.
„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ (Mischna, Sanhedrin 4:5)
Yarden Bibas (34), Kibbuz Nir Oz
Yarden wurde im Kibbuz Tze’elim geboren und erlebte dort seine Kindheit.
„Mein Bruder sieht zwar äußerlich groß und stark aus, aber innerlich ist er der sensibelste und sanfteste Mensch den es gibt“, erzählt seine Schwester Ofri liebevoll über ihren Bruder. „Er ist ein sehr liebender Vater und kümmert sich aufopfernd um seine Kinder“. Yardens Freunde erzählen, der 34-Jährige habe einen ausgeprägten Sinn für Humor. Er könne nicht nur über sich selbst, sondern auch alles andere lachen. Weiter hätte der Vater auch eine besondere Liebe zu Musik und Tieren. Vor einigen Jahren fand der Kibbuznik einen kleinen Welpen an einer Bushaltestelle und adoptierte den Vierbeiner kurzerhand. Seinen pelzigen Begleiter taufte er auf den Namen „Tonto“.
Heute lebt Yarden mit seiner Ehefrau Shiri (32), seinem vierjährigem Sohn Ariel und dem kleinen Kfir (damals 9 Monate) im Kibbuz Nir Oz. Sein Umfeld berichtet, Yarden sei der liebende Anker seiner Ehefrau Shiri. Shiris Familie ist argentinischer Abstammung und ihre Eltern, Yossi und Margit Silverman, lebten ebenfalls in dem Grenzkibbuz (Die Großeltern überlebten den Hamasangriff nicht). Trotz dem gemeinschaftlichen Ambiente plante die kleine Familie Bibas, in naher Zukunft die idyllische Gemeinde zu verlassen. Der ständige Raketenbeschuss aus Gaza und versuchte Terrorinfiltrationen erschwerten das Leben der jungen Eltern. Das Paar war auf der Suche nach einem kleinen Häuschen in der Nähe von Yardens Schwester Ofri auf den Golanhöhen.

Massaker in Nir Oz
Am 7. Oktober 2023 drangen Tausende Hamasterroristen, unter dem Deckmantel eines noch nie dagewesenen Raketenbeschusses auf das ganze Land, in den Süden Israels ein. Etwa 1.200 Menschen wurden bestialisch ermordet. Ganze Familien wurden in ihren Häusern hingerichtet, über 360 Menschen bei einem Musikfestival abgeschlachtet. Der Massenmord wurde begleitet mit schrecklicher Brutalität, Folter und sexueller Gewalt. Schätzungsweise 240 Israelis wurden verschleppt. Bei den Entführten drehte es sich hauptsächlich um Zivilisten. Der Kibbuz Nir Oz verlor am 7. Oktober 38 Gemeindemitglieder, 78 wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt.
Am Schwarzen Schabbat des 7. Oktober stand Yarden ununterbrochen über das Handy mit seiner Schwester in Kontakt. Am frühen Morgen unterrichtete er Ofri zunächst über den massiven Raketenbeschuss aus Gaza. Später erhielt sie die Nachricht, Hamasterroristen seien in die Gemeinde eingedrungen. Yarden schien verzweifelt. Er sagte seiner Schwester, dass er nicht wüsste, wie er die beiden kleinen Jungs beruhigen und ruhig halten sollte und dass es sich „wie das Ende anfühlt“.
In einem Video dokumentieren die brutalen Hamasterroristen schließlich, wie sie die Haustür der Familie Bibas aufbrechen und das Häuschen stürmen. Um 9:43 Uhr schrieb der Vater: „Sie sind da.“ Yarden schaffte es noch, sich von seiner Schwester und seinen Eltern mit einer letzten Nachricht zu verabschieden: „Ich liebe euch.“ Danach brach der Kontakt ab.

Getrennte Entführung nach Gaza
Etwa zwei Stunden später entdeckten die Angehörigen zunächst ein Video von Shiri. Die junge Frau ist umzingelt von Terroristen und palästinensischen Zivilisten. Shiri drückte ihre beide kleinen Kinder fest an sich – ihr Gesicht ist vor Entsetzen verzerrt. Yarden ist in den Schreckensvideos nicht zu sehen.
Später findet die Familie heraus, dass die Hamasterroristen zuerst Yardens geliebten Hund Tonto vor den Augen seines Herrchens kaltblütig erschossen hatten und dann die Familie getrennt entführte. Welchen grausamen Horror und Angst, die jungen Eltern in diesen Minuten durchgemacht haben müssen, ist mit menschlichem Verstand nicht zu erfassen. Das israelische Militär bestätigte später, dass mutmaßlich alle vier Familienmitglieder als Gefangene nach Gaza verschleppt wurden.
Bemühungen, wenigstens Shiri und ihre Kinder während des temporären Waffenstillstands zwischen Israel und der Hamas zu befreien, blieben erfolglos. Während alle anderen entführten Kinder und Jugendliche in diesen Tagen nach Israel zurückgebracht wurden, blieben Shiri und ihre kleinen rothaarigen Kinder in der Terror-Enklave zurück. „Das waren sehr grausame Tage für uns. Das Geiselabkommen gab uns jeden Tag neue Hoffnung, und jedes Mal, wenn die Namenslisten veröffentlicht wurden, verschwand diese Hoffnung. Was uns weitermachen lässt und uns die Kraft gibt, weiterzukämpfen, zusätzlich zu der großartigen Unterstützung, die wir von allen in Israel erhalten, ist der Glaube in unseren Herzen, dass sie immer noch am Leben sind und darauf warten, dass wir sie zu uns zurückbringen“, berichtet Yardens Cousin Tomer Keshet den israelischen Medien.

Psychologische Quälerei
Der bewaffnete Arm der Hamas, die al-Qassam-Brigaden, behauptete am 29. November vergangenen Jahres, Shiri und die Kleinen seien nicht mehr am Leben. Die Terroristen machten die israelische Luftwaffe für ihren Tod, während eines angeblichen Luftangriffs, verantwortlich.
Zwar wurden diesbezüglich keine Beweise veröffentlicht, doch nur einen Tag später veröffentlichten die Terroristen ein Video, das Yarden in Gefangenschaft dokumentiert. Es handelte sich um das erste und bis dato letzte Lebenszeichen des 34-Jährigen. Der gebrochene Vater wird in dem Filmmaterial live über den angeblichen Tod seiner Ehefrau und seinen beiden Kindern informiert und Minuten lang psychologisch gequält. Yarden befindet sich in körperlicher sowie seelischer sehr schlechter Verfassung. Der Vater verlor offensichtlich mehr als 20 Kilogramm in der fast zweimonatigen Geiselhaft.
Nili Margalit, die ebenfalls aus ihrem Haus im Kibbuz Nir Oz entführt und nach 50 Tagen Geiselhaft im November freigelassen wurde, erzählte den israelischen Medien nach ihrer Rückkehr, sie sei gemeinsam mit Yoram Metzger und Yarden in einem komplexen unterirdischen Tunnelsystem gefangen gehalten worden. An dem besagten Tag, an dem die Hamas-Entführer das erschütternde Psychoterror-Video von Yarden drehten, hätten die Terroristen zunächst von Nili gefordert, dem 34-Jährigen die schreckliche Botschaft zu überbringen. Doch sie weigerte sich. Am Ende überbrachten die Entführer die mutmaßliche Mord-Nachricht auf Arabisch. Yoram Metzger, der zwei Monate später in Geiselhaft ermordet wurde, musste das Grauen übersetzen. Yarden wurde in dem Video dazu gezwungen, Premierminister Benjamin Netanjahu zu beschuldigen, dieser habe sich geweigert, ihre Leichen nach Israel zurückzubringen. Die ganze Zeit über wurde die Quälerei des 34-Jährigen Vaters für das Propagandavideo der Hamas gefilmt. Nili berichtete, Yarden habe sich aufgrund der Sorge um das Wohlergehen seiner Familie bereits in einem schlechten psychischen Zustand befunden und brach zusammen, als er von seinen Entführern die grausame Nachricht erhielt. Sie selbst habe die ganze Zeit vor Trauer über den tiefen Schmerz des jungen Vaters geweint.

Blutige Entführung
Im vergangenen Februar drückte der israelische Militärsprecher Brigadegeneral Daniel Hagari seine große Sorge über „den Zustand und das Wohlergehen von Shiri und den Kindern“ aus, nachdem das israelische Militär am 19. Februar 2024 ein Video veröffentlicht, das offenbar im südlichen Gazastreifen gedreht wurde und Shiri und die Kinder einige Tage nach ihrer Entführung zeigt. Über den Aufenthaltsort der Mutter und den Kleinen sei nichts bekannt.
Die grausame Saga um das Schicksal der Familie Bibas scheint nicht abzureißen. Neues Filmmaterial, das am 17. April veröffentlicht wurde, zeigt die Momente der brutalen Entführung von Yarden. In den grausamen Aufnahmen sitzt Yarden auf einem Motorrad zwischen zwei Bewaffneten. Er ist von Terroristen und palästinensischen Zivilisten umgeben, die unaufhörlich auf den 34-Jährigen einschlagen und ihn anschreien. Von den schweren Schlägen zieht sich Yarden tiefe Kopfverletzungen zu. Der hilflose Israeli legt seine Hände schützend über seinen blutüberströmten Kopf, jedoch ohne Erfolg. Einer der Bewaffneten würgt den Entführten und ermöglicht so den Umstehenden, den 34-Jährigen weiter zu foltern. Die Quälerei wird von den palästinensischen Zivilisten begeistert gefilmt. Selfies mit dem hilflosen, blutenden Israeli krönen die erschütternden Aufnahmen.


Präsident Isaac Herzog teilte das Video auf der Onlineplattform X (zuvor Twitter) und erklärte: „Die Welt darf angesichts solcher Verbrechen niemals schweigen. Bringt sie nach Hause – jetzt“. Der israelische Landwirtschaftsminister Avi Dichter reagierte ebenfalls noch am gleichen Abend auf die traumatischen Aufnahmen von Yarden: „Das Blut quellt aus seinem Kopf, weil er von ‚unbeteiligten‘ Gaza-Bewohnern geschlagen wird – dieses Bild lässt mich nicht mehr los. Die grausame Dokumentation der Öffentlichkeit zu zeigen, reißt die Maske der sogenannten ‚unbeteiligten‘ Zivilisten in Gaza herunter“.
Ein ganzes Land sorgt sich um Yarden, seine geliebte Shiri und seine bezaubernden rothaarigen Kinder. Die Angst um ihr Schicksal begleitet seit jenem Schwarzen Schabbat jeden Israeli.
Yarden, wir beten für Eure Rückkehr.
***UPDATE***
Yarden Bibas (35), Ofer Kalderon (53) und Keith Siegel (65) wurden am 1. Februar 2025 nach 483 Tagen Geiselhaft freigelassen. Die Übergabe an das Rote Kreuz erfolgte in den frühen Morgenstunden an zwei verschiedenen Orten im Gazastreifen. Die drei Männer standen auf eigenen Beinen, aber man sah ihnen an, dass sie Schreckliches durchgemacht hatten. Alle drei waren wie immer Teil einer pompösen, brutalen Propagandashow der Terroristen. Auf einer Bühne, umringt von schwer bewaffneten Hamas-Kämpfern, mussten die Israelis in die Menge winken, bis sie feierlich den Vertretern des Roten Kreuzes übergeben wurden. Auf einem Militärstützpunkt nahe der Gaza-Grenze konnten die Freigelassenen nach fast 16 Monaten endlich ihre Angehörigen in die Arme schließen. Willkommen zu Hause!

Titelbild: Yarden Bibas. Foto: privat