
Eli Sharabi in einem bewegenden Interview: „Der Glaube, meine Frau und meine Kinder wiederzusehen, hat mich am Leben gehalten”
JERUSALEM, 19.10.2025 (NH) – Nur eine Woche nach der Veröffentlichung hat Eli Sharabis Autobiografie „Kidnapped” bereits die Bestsellerlisten der New York Times in den USA fest im Griff. Dies folgt auf den großen Erfolg der hebräischen Buchversion, die sich über 100.000-mal verkaufte und den prestigeträchtigen Preis „Diamond Book” der Steimatzky-Kette gewann. In der vergangenen Woche wurde der Autor auch in der beliebten britischen Fernsehshow von Piers Morgan interviewt. Morgan, der eigentlich dafür bekannt ist, dass er mit dem jüdischen Staat nicht sonderlich sympathisiert, veröffentlichte später auf seinem X-Account (ehemals Twitter), wie sehr ihn das Interview mit „dieser außergewöhnlichen Person” bewegt hatte.
Ein 13-minütiges Gespräch über Trauer und Hoffnung
In dem emotionalen Fernsehinterview beschrieb Eli Sharabi unzensiert seine Tage in Gefangenschaft der Hamas. „Es war natürlich die Hölle für mich, wie auch für die anderen Geiseln. Wir wurden täglich gedemütigt, waren psychischem Terror seitens der Entführer ausgeliefert, wurden gewalttätig behandelt und die hygienischen Bedingungen waren sehr schlecht – alle sechs Wochen durften wir uns mit einem halben Eimer Wasser duschen. Es gab keine Seife und keine Zahnpasta. Und das Schlimmste war natürlich der Hunger. Vorsätzliches Hungern. Wir hatten nur eine einzige Mahlzeit am Tag: eine trockene Pita. Auf der anderen Seite aßen sie (die Terroristen) fünf Mahlzeiten am Tag“, berichtet Eli seinem britischen Interviewpartner.
Sharabi erzählt, dass er dennoch fest daran glaubte, eines Tages freigelassen zu werden. Er habe versucht, optimistisch zu denken, was ihm dabei geholfen habe, nicht in Depressionen zu versinken. „Ich dachte, das wäre der beste Weg, um dort zu überleben.“ Eli Sharabi erinnert sich an jenen schwarzen Schabbat, als Terroristen in sein Haus im Kibbuz Be’eri einbrachen. Er und seine Frau Lianne beschlossen, sich nicht zu wehren, in der Hoffnung, sie und ihre Töchter Noya und Yahel blieben aufgrund ihrer britischen Staatsbürgerschaft verschont. Eli wurde tatsächlich allein nach Gaza entführt, seine Familie blieb zurück. Doch nur etwa fünf Minuten nach Sharabis Entführung wurden „Noya, Yahel und Lianne abgeschlachtet”. Von diesem blutigen Massaker erfuhr Eli erst, als er Anfang des Jahres nach 491 Tagen Geiselhaft an das Rote Kreuz übergeben wurde.

„Ich klammerte mich an den Gedanken, dass ich sie eines Tages wiedersehen, umarmen und küssen würde“
„Gott sei Dank hat mir niemand gesagt, dass sie getötet wurden. Es hat mich motiviert zu wissen, dass ich eines Tages zurückkommen würde, wie ich es meinen Töchtern versprochen hatte, bevor ich entführt wurde. Ich hielt einfach an der Idee fest, dass ich sie umarmen und wiedersehen werde. Du denkst, es wird der glücklichste Tag deines Lebens, aber stattdessen haben sie mir vom Verlust meiner Familie erzählt.“
So wurde Eli erst auf israelischem Boden klar, dass seine Familie ermordet worden war. „Eine Sozialarbeiterin erklärte, meine Mutter und meine Schwester warteten auf mich. Ich bat sie: ‚Bitte bring mir Lianne, Noya und Yahel‘. Doch sie antwortete, meine Mutter und meine Schwester hätten mir etwas zu sagen. In diesem Moment wurde mir klar, dass das Schlimmste geschehen war. Es war, als würde mir ein fünf Kilo schwerer Hammer auf den Kopf fallen. Ich habe nur geschrien“, erinnert sich die ehemalige Geisel an die schwierige Nachricht. „Ich weiß, dass ich sie nicht zurückbringen kann. Ich darf mich nicht von Traurigkeit überwältigen lassen. Ich bin immer auf der Suche nach Wegen, um voranzukommen, optimistisch zu bleiben und mein Leben neu aufzubauen. Und darauf verlasse ich mich – dass sie mich vielleicht vom Himmel aus sehen und sehr stolz auf mich sind“, so Eli.
Die grausame Botschaft vom Tod seiner Familie reiht sich in den brutalen Psychoterror der Hamas ein. Zwei Tage vor seiner Freilassung erfuhr er, dass auch sein Bruder Yossi Sharabi als Geisel entführt und drei Monate später in Gefangenschaft ermordet worden war. Inzwischen wurde die Leiche von Yossi im Rahmen des Abkommens zwischen Israel und der Hamas an Israel überführt. Als Sharabi von Piers Morgan gefragt wurde, wie wichtig es für ihn war, die sterblichen Überreste seines Bruders zu bekommen, antwortete er: „Es war uns sehr, sehr wichtig, ihn nach Israel zu bringen, und jetzt haben wir Raum, um ihn zu trauern. Es ist eine Art Abschluss, ein sehr trauriger Abschluss, aber wir sind fast schon glücklich, dass wir Yossis Körper zurückbekommen haben.“

Keine „Noten” für Premierminister Benjamin Netanjahu
Auf die politischen Fragen seines Interviewpartners antwortete Sharabi versöhnlich. Er erklärte, er zolle Präsident Donald Trump und Steve Witkoff sehr viel Anerkennung und bedanke sich dafür, dass sie seine Freilassung erwirkt hatten. „Wir Israelis sind immer auf der Suche nach Frieden und wollen in Frieden und Ruhe leben. Nach zwei Jahren haben wir es verdient und vielleicht können wir jetzt beginnen, unser Trauma zu heilen.“
Bezüglich Premierminister Netanjahu, den Piers Morgan als „spaltende Figur in Israel“ bezeichnete, erklärte Sharabi, dass er es „großartig findet, dass Israel eine Demokratie ist, in der es Meinungsverschiedenheiten gibt, und dass wahrscheinlich nicht nur Israel in der Region den amtierenden Premierminister kritisiert.“ „Ich bin sicher, dass ich einige Meinungsverschiedenheiten mit meinem Premierminister habe, aber das spielt keine Rolle. Er ist der Premierminister. Er hat entschieden, wie dieser Krieg geführt werden sollte und wie er damit umgegangen ist. Ich bin kein Politiker, also werde ich ihm keine Noten geben.“
Piers Morgan schloss das Interview mit seinem israelischen Gast mit dem Wunsch, „Sharabi von Angesicht zu Angesicht zu treffen”. Kurz darauf lud Morgan einen Teil des Interviews auf seinen X-Account hoch und schrieb, es sei „ein unglaublich bewegendes Interview mit einer außergewöhnlichen Person“ gewesen.
Titelbild: Der ehemalige Geisel Eli Sharabi spricht auf der Muni Expo 2025 Konferenz in Tel Aviv am 15. Juli 2025. Foto: Avshalom Sassoni/Flash90