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Die Gesichter & Geschichten hinter den Geiseln – Hersh Goldberg-Polin

JERUSALEM, 11.06.2024 (NH) – Wir wollen den Geiseln in Gaza ein Gesicht geben und ihre Geschichte erzählen. Wir wollen gemeinsam unseren Alltag für ein paar Minuten anhalten und für die Heimkehr eines jeden Einzelnen beten.

„Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt” (Mischna, Sanhedrin 4:5)

Hersh Goldberg-Polin (23), Jerusalem

Hersh Goldberg-Polin wurde in Berkeley, Kalifornien, geboren und zog mit seiner Familie nach Israel, als er sieben Jahre alt war. Hersh hat zwei jüngere Schwestern. Berichten zufolge plante er eine zweijährige Weltreise, die in der letzten Dezemberwoche 2023 beginnen sollte. Hersh hatte die letzten Monate vor seiner Entführung damit verbracht, mit Schulgruppen zu arbeiten und so Geld für seine Urlaube und seine kommende Reise zu verdienen. Eine der grenzenübergreifenden Initiativen, an welcher der junge Mann teilnahm, war, israelische und palästinensische Kinder durch Fußballspiele einander näherzubringen. Hershs letzter Urlaub war eine neunwöchige Reise im vergangenen Sommer durch sechs europäische Länder. Unterwegs nahm der 23-Jährige an einer Reihe von Raves, wie die des Supernova-Festivals, teil.

Der 23-Jährige setzte sich für die Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern ein. Foto: privat

Simchat-Thora-Abend mit der Familie

Am Freitagabend, dem Beginn des jüdischen Simchat-Thora-Feiertags, tanzte Hersh in der Jerusalemer Synagoge mit seiner Familie. Anschließend zelebrierte die Familie daheim zusammen den Feiertag. Hersh verließ gegen 23 Uhr das Haus und machte sich mit seinem Freund auf den Weg zur Nova-Party. Seine Eltern wussten zunächst nicht genau, wohin er ging. “Er ist 23 Jahre alt, kein Kleinkind mehr”, erklärte Rachel in einem Interview. “Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.”

Am frühen Morgen des 7. Oktober schaffte es Hersh, seinen Eltern noch zwei WhatsApp-Nachrichten zu schicken. “Ich liebe Euch” und “Es tut mir leid”. Seine Mutter erzählt, sie hätte sofort verstanden, dass etwas nicht stimmte, da ihr Sohn normalerweise nicht solche Nachrichten sendet. Sofort kontaktierten die besorgten Eltern mehrere von Hershs engsten Freunden und fanden so heraus, dass Hersh und sein bester Freund Aner Shapira auf dem Nova-Wüstenfestival gefeiert hatten, als Tausende von Hamas-Terroristen den Süden des Landes infiltrierten und ein Massaker in Armeestützpunkten, Grenzgemeinden und der besagten Rave-Party anrichteten. Hersh und Aner wurden das letzte Mal am Samstagmorgen in einem der öffentlichen Raketen-Schutzräume gesehene, der später für Aner zur Todesfalle wurde.

Aner Elyakim Shapira, Hershs bester Freund – er kämpfte tapfer gegen die Terroristen. Foto: privat

Heldentod von Hershs bestem Freund

Aner Elyakim Shapira (22) kommt wie Hersh aus Jerusalem und diente als Soldat in der Nahal-Brigade. Auf der Flucht der beiden Freunde vor dem Nova-Massaker versteckten sich Aner und Hersh in einem der öffentlichen Betonbunker in der Nähe von Re’im. Normalerweise haben in den Luftschutzbunkern bis zu 10 Personen Platz. Jetzt pferchten sich mehr als 30 Partygäste verzweifelt in die Betonunterkunft. Die beiden Männer waren die letzten, die den besagten “Todes-Bunker” betraten. Einige Stunden später trafen zwei Pickups mit Hamas-Kämpfern ein. Die Terroristen begannen das Massaker in den Schutzbunkern.

Mit dem Eintreffen der Hamasterroristen positionierte sich Anar am Eingang des Schutzbunkers und lieferte sich von dort einen unmenschlichen Kampf mit den Mördern. Der 22-Jährige ergriff jede Handgranate, die geworfen wurde, und warf sie zurück. Sieben Handgranaten packte der Held und schleuderte sie aus dem Bunker. Die letzte Granate konnte Anar nicht mehr zurückwerfen. Sie detonierte mitten im Raum, inmitten dutzender Schutzsuchender, und tötete den Helden.  

Hersh wurde während des Bunker-Massakers durch RPG-Feuer schwer verletzt. Überlebende, die sich im selben Schutzraum wie Hersh und Aner versteckten, berichten später, dass der Arm des 23-Jährigen vom Ellbogen abwärts völlig weggesprengt wurde. Hersh band sich selbst ein Tourniquet, um die Blutung zu stoppen.

Der verletzte Hersh quält sich auf den Truck. Seinen weggesprengten Arm hat er selbst abgebunden. Foto: Hamas-Video Screenshot

Stundenlang harrten die verletzten Feiernden und Überlebende in der Todesfalle unter den Toten aus, begleitet von der Hoffnung, nicht gefunden zu werden. Immer wieder schossen die Terroristen in die Leichenberge. Irgendwann forderten die Hamas-Kämpfer jeden, der noch am Leben war, dazu auf, den Betonraum zu verlassen. Der verletzte Hersh muss der Aufforderung gefolgt sein. In einem späteren Hamas-Video wird der junge Mann dokumentiert, wie er blutend und verletzt die “Todesfalle” verlässt und nach Gaza verschleppt wird.

Hersh (ganz rechts) kauert in der Ecke des Trucks. Er wurde mit Eliya und Or auf den Pickup der Terroristen geladen. Dabei schlagen die Terroristen immer wieder auf sie ein. Foto: Screenshot Hamasvideo

Video dokumentiert Entführung des Verletzten

Später stieß Hershs Vater John auf das grausame Bildmaterial. Leise rief er nach seiner Ehefrau und flüsterte: “Ich glaube, ich habe Hersh gefunden”. In dem Hamasvideo konnten Rachel und John sehen, wie Hersh gemeinsam mit Eliya Cohen (26), Alon Ohel (22) und Or Levy (33) auf die Ladefläche eines weißen Pickups geladen wird. Alon wurde brutal an den Haaren über den Boden gezogen, auf die anderen jungen Männer wird immer wieder eingeschlagen. Hersh quälte sich blutüberströmt auf den Truck. Die schwere Verletzung und der fehlende Arm des jungen Mannes sind deutlich zu sehen.

Nach dem 7. Oktober versammelte sich Hershs Familie und Freunde im Haus der Goldberg-Polins. Sie schuffen ein technologisches Hauptquartier, um die Geschichte des 23-Jährigen Geschichte der ganzen Welt zu berichten. Hershs Eltern scheuten kein Interview: CNN, das Wall Street Journal, die New York Times, NPR, MSNBC, People und viele andere interviewten das Paar in den letzten Monaten. Weiter nahmen Hershs Angehörige Kontakt mit dem Roten Kreuz auf und baten um medizinische Hilfe. Aufgrund von Hershs amerikanischer Staatsbürgerschaft traf sich die Familie auch mit US-Außenminister Antony Blinken und US-Präsident Joe Biden. Neben Biden traf Rachel weitere Dutzende Staats- und Regierungschefs und appellierte an die Vereinten Nationen in New York und Genf. Die Mutter schaffte es sogar bis nach Rom und traf auf den Papst. Rachel Goldberg-Polin ist so zum Gesicht geworden, das weltweit mit der israelischen Entführungskrise identifiziert wird. Im vergangenen April wurde Rachel sogar in die Liste der “100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2024” des Time Magazines aufgenommen. 

Die Hamas veröffentlicht ein Geiselvideo: Hersh identifiziert sich namentlich und zitiert einen von den Terroristen vorgeschriebenen Text, in dem es heißt, die israelische Regierung solle sich “schämen”, weil sie die Entführten in einer “unterirdischen Hölle ohne Nahrung und Wasser” festsitzen lässt. Hersh wurde mit amputiertem linkem Arm aufgenommen und bestätigte, dass er während des Nova-Festivals “Verletzungen” erlitten hat. Foto: Hamas-Video Screenshot

Erstes Lebenszeichen nach Entführung

Am 24. April 2024, nach mehr als 200 Tagen in Geiselhaft, veröffentlichte die Hamas ein Video mit dem ersten Lebenszeichen von Hersh. Seine Mutter berichtet, wie emotional komplex das Video für sie und ihren Ehemann war. “Ich habe Hershs Stimme seit sechs Monaten nicht mehr gehört, ich habe ihn nicht mehr gesehen. Es war sehr emotional und wir haben zusammen geweint”, berichtet Rachel. “Er sah blass und ungesund aus. Das Schlimmste war, seine Hand zu sehen”.

Trotz der erschütternden Bilder hofft Rachel, dass sie ihren Sohn wiedersehen wird. “Er ist ein Kämpfer”, erzählt Rachel über ihren Sohn. “Er ist kein großer, massiger Kerl. Aber ich denke, dass das Überleben viel damit zu tun hat, wo man mental steht.”

Hersh, wir beten für Deine Rückkehr.

Demonstranten fordern bei einer Demonstration vor dem Büro des Premierministers in Jerusalem am 22. Mai 2024 die Freilassung der Israelis, die von Hamas-Terroristen in Gaza als Geiseln gehalten werden. Foto von Yonatan Sindel/Flash90

Titelbild: Hersh Goldberg-Polin. Foto: privat

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